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Fremdheit

Realismus bedeutet bekanntlich, in ein fiktives Kleid zu steigen und bei einem tatsächlichen Ärmel wieder herauszukommen. So gesehen hat sich Orhan Pamuk ins stählerne Korsett der Gegebenheit geworfen. Man könnte sagen endlich hat er das getan, denn seine Istanbul-Nostalgie, in der er ein Gemeinwesen von einer Million Einwohner beschwor und deren Verzehnfachung übersah, begann ein wenig peinlich zu sein - Nobelpreis hin, Auszeichnung des Jahres 2014 für sein „Museum der Unschuld“ her. Pamuks neuestes Werk heißt, nach einer Zeile des englischen Romantikers William Wordsworth, „Diese Fremdheit in mir“. Pamuk nimmt diese Zeile für eine schöne Definition der Stadt, der Großstadt, der Metropole: „In der Stadt konnte man inmitten einer Menschenmenge einsam sein, gerade das machte eine Stadt ja aus, dass man nämlich von lauter Menschen umgeben dennoch verbergen konnte, was für eine Fremdheit im Kopf man mit sich trug.“ Pamuks literarische Qualität besteht ja in diesem Umkreisen von Urbanität. Istanbul wird zur Interferenzzone, zum Labyrinth, in dem sich Gedanken und Gassen vermischen. Nun hat Pamuk also Istanbuls Auswachsen zum Moloch zur Kenntnis genommen. Er heftet sich an die Fersen eines Jungen vom Dorf, der noch als Kind in die große Stadt kommt, wo ihm eine Karriere verweigert ist aber nicht die Ingredienzen eines guten Lebens, Familie, Zufriedenheit, Erinnerung. Dieser Mevlut, Jahrgang 1957, strandet in einer Gecekondu, einer Schwarzbausiedlung. Er darf am ureigensten Leib erfahren, wie im Lauf der Jahre die Dinge sich erst legalisieren durch staatliche Intervention, dann institutionalisieren durch ein wenig halbseidene Patrone, dann modernisieren durch Strom und Gas und sich schließlich hochtürmen in zwölfstöckige Blocks, deren Bewohner die Migranten von ehedem sind. In der Zwischenzeit gehören sie selber zum Establishment, weil noch viel mehr von ihresgleichen angekommen sein werden, angelockt vom gleichen Pursuit of Happiness, der sie noch viel weiter an die Peripherie befördert, wo sie die selben Überlebensstrategien an den Tag legen. Mevluts Fortkommen passiert unter einem „neuen Bürgermeister von Istanbul“. Dass der natürlich Erdogan war, steht nur zwischen den Zeilen. Er ist der größte Profiteur der Veränderungen. Anders als seine Cousins verweigert Mevlut sich dem Lauf der Fortschrittlichkeiten. Unverdrossen, die personifizierte Slow-Food-Bewegung, legt er sich sein Tragegestell um, geht durch die abendlichen Gassen und verkauft Boza, ein leicht alkoholhaltiges Getränk, das schon unter den Osmanen dafür gut war, Allahs Gesetze zu verwässern. Weil er glaubt, dass derlei nur unter der angestammten Einwohnerschaft funktioniert, lässt er sich in die Altstadt treiben, nach Cukurcuma vor allem, wo der reale Pamuk in seinem Museum der Unschuld schwelgt, und bisweilen sogar hinüber übers Goldene Horn, wo es noch Derwische gibt, die ihm seinen Saft mit Weisheit vergelten. Natürlich ist es Pamuks notorische „Hüzün“, die ortsansässige Melancholie, die seinen Helden im Retro-Job gebannt hält. Und jedenfalls das Cover seiner Neuerscheinung, sowohl der türkischen, 2014 erschienenen, als auch der deutschen, ziert ein Foto, das Ara Güler gemacht hat. Pamuks Biografie von Istanbul aus dem Jahr 2003 hatte auch ihm ein Denkmal gesetzt, die meisten der Illustrationen, die über das Buch einen mächtigen Schleier an Versonnenheit breiteten, stammten von ihm. Damals legten die Bilder Gülers eine Art Kontinuität nahe. Nun ist die Figur, die der Fotograf einst fixierte, nichts als verspätet. Widerwillig schreibt Pamuk dieser Verspätetheit den Abgesang. Orhan Pamuk, Diese Fremdheit in mir, deutsch von Gerhard Meier, München: Hanser 2016

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