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Bücher 2015

Auch diesmal wieder meine Lieblingslektüren des Jahres, leserfreundlich aufbereitet nach Ressorts. Belletristik: Frank Witzel, Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, Matthes & Seitz Ich habe das Werk tatsächlich gelesen, bevor es plötzlich preiswürdig geworden ist. Was heißt gelesen, ich habe es durchgearbeitet, schließlich gibt es ja auch ein Register, und es kann gut sein, dass man etwas durcheinander gerät bei den über 800 Seiten, die gern so ausschweifend sind wie ihr Titel. Das Register steigt wie üblich vor den Buchstaben mit den Zahlen ein und da beginnt es mit den beiden Einträgen „14 Nothelfer“ und „19th Nervous Breakdown“. Damit ist eingangs ausgangs viel gesagt über dieses irre wirre Buch, dessen Autor seine Emanzipationsgeschichte mit allerlei Verschwörungsgeraune versetzt. Höhepunkt: Die Interpretation des Beatles-Albums „Rubber Soul“ als mariologische Offenbarung. Politik: Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950, Klett-Cotta Eigentlich ein historisches Werk, geschrieben von einem Briten, und die können derlei bekanntlich mit Abstand am besten. Keith Lowe rekonstruiert, dass der zweite Weltkrieg keineswegs im Jahr 1945 vorbei war, sondern in Griechenland, auf dem Balkan, in Mitteleuropa ein wildes Weitermetzeln wucherte und den Wiederaufbau überschattete. Griechenland, Balkan, Mitteleuropa: Unter der Hand wird aus dem Geschichtsbuch eine politische Analyse, und der Geschmack dessen, was sich gerade ganz gegenwärtig tut, legt sich penetrant auf die Zunge. Kulturgeschichte: Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990, C.H.Beck Getarnt als Verlagsgeschichte von Merve erzählt Philipp Felsch davon, wie unter die Deutschen kam, was man Theorie nennt. Die ist etwas ganz anderes als Philosophie, man erfasst sie durchaus zerstreut, die Lektüre ist eher kursiv als diskursiv, und ihre Auswirkungen trugen sich vielleicht auf die Straße, vor allem aber in die Kneipen, die so gemütlich waren wie es den WG-Kojen längst ausgetrieben war. „Dispositive der Nacht“ nennt der Autor in schöner Foucault-Hommage den Mechanismus. Überhaupt sehr anspielungsreich (der Titel verdankt sich Enzensbergers Erinnerung an das Spanien der 30er Jahre), gut formuliert, ohne Scheu, die Popanze zu nennen, ist dies mein Buch des Jahres. Theorie: Thomas Edlinger, Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik, Suhrkamp Jetzt ist also der Edlinger, FM4-Monolith, gestandener Suhrkamp-Autor. Sein zweites Werk – das erste entstand in Ko-Autorschaft mit Matthias Dusini – im „Regenbogenspektrum“ (Felsch) der edition suhrkamp trägt die Nummer 2693 und springt vom Hundertsten ins Tausendste und in eine Welt, in der sich übers Netz immer mehr Akteure auf die Blutwiese der Deutungshoheit jagen. Man selbst hat recht, die anderen eben nicht: Diese anthropologische Wahrheit verfolgt Thomas Edlinger im Pop und in der Kunst, im Feminismus und in der Religion. Die Aktualität steht dafür. Ausstellungskatalog: Martin & Werner Feiersinger, Italo-Modern. Architektur in Oberitalien 1946 – 1976, 2 Bände, Park Books Die Brüder Feiersinger, Architekt der eine, Künstler der andere, durchforsten eine Landschaft, die berüchtigt ist für Wildwuchs und Grobheiten, nach verborgenen Schönheiten, um sie zu fotografieren und in einen Plan einzutragen. Das ist sehr sachlich, und die Aufnahme in die Liste Prädikat genug. Italo kommt gern einmal Brutalo daher, doch immer wieder tun sich zwischen Turin und Triest Bauten auf, die auf der Höhe der (Nachkriegs-)Zeit sind und die es tatsächlich schaffen, gelungen zu sein. Die beiden Bände begleiten die Präsentation des Aufgenommenen im Innsbrucker Institut aut.architektur und tirol, noch zu sehen bis Februar 2016.

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