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Flaschentrockner

Irgendwann im Jahr 1914 geht Marcel Duchamp in eines der Pariser Großkaufhäuser, den Bazar de l'Hotel de Ville, und kauft dort ein Allerweltsprodukt. Mit dem Kauf lässt er es allerdings nicht sein Bewenden haben, sondern funktioniert die Erwerbung zu einem Kunstwerk um. Aus einem schlichten Flaschentrockner, jenem Gerät, auf das man kopfüber Gefäße stülpt, nachdem man sie gereinigt hat, wird der „Porte-Bouteilles“, später auch – Titel spielen in der textlastigen Bilderwelt der Moderne generell eine große Rolle – auch „Egouttoir“ oder „Hérisson“ überschrieben. Es ist nicht sehr sicher, dass der gerade 27jährige, der soeben mit seinem Gemälde „Akt, eine Treppe herabsteigend/Nue descendant un escalier“ ein skandalträchtiges Spektakel auf der New Yorker „Armory Show“ bewerkstelligt hatte, ein Spektakel, das das füglich kubistisch-futuristische Bild allein seinem das Pornografische streifenden, aber durch keine Darstellung bestätigten Titel verdankte, gleich wusste, was er in die Welt und in die Zukunft setzte. Allein, das Ready made war geboren. Es wird die erfolgreichste Strategie in der Kunst der 20. Jahrhunderts daraus entstehen. Myriaden von Künstlerpersonen werden das Gerät umschwirren. Momentan macht das in der Moderne-Abteilung der Kunsthalle Karlsruhe, Orangerie genannt, Bethan Huws. Duchamps Schrifttum ist zu entnehmen, dass der Meister den Begriff, auf den er sein Verfahren brachte, immer wieder anders notierte. Ob Ready-made, Readymade oder Ready made: In dieser englischen Wortschöpfung, die dem Franzosen Duchamp irgendwann Anfang 1916 zuflog, schillert, wie gern bei ihm, ein Wortspiel, es ist meistens auch ein wenig schüpfrig, und Ready made alias „ready mate“ lässt die Disposition zu gewissen Dingen anklingen, die man einem Gegenstand nicht unbedingt ansehen würde. Auf jeden Fall ergibt sich aus der Jahreszahl 1916 für die Kunsthalle der Anlass zu einem Jubiläum: 100 Jahre bereites Mädchen. Sehr viel später, 1962, veranstaltete Werner Hofmann, der Gründungsdirektor des Wiener Museums Moderner Kunst, eine Retrospektive zur Kunst insgesamt in der Moderne und brachte als eines der Exponate Duchamps mittlerweile höchst einschlägiges Stück – als Replik, denn das Original war längst verschollen. Nach Ende der Schau fragte Hofmann beim Meister nach, ob sein Haus nicht ein Exemplar des Porte-Bouteilles als Dauerleihgabe, notfalls auch in weiterer Replizierung, zeigen könnte. Hier nun Duchamps Antwort: „Lieber Herr Hofmann, leider besitze ich nur die eine Replik, die ich Ihnen schickte – aber ich schlage vor, daß Sie einen Flaschentrockner kaufen können, in Paris im Bazar de l'Hotel de Ville. Dort, denke ich, haben sie noch dasselbe Modell. Mit meinen besten Wünschen für 1963 Marcel Duchamp.“ Die Dinge hatte eine spezielle Wendung genommen, und Duchamp hatte augenscheinlich nichts dagegen. Waren seine Ready mades zum Zeitpunkt ihrer Entstehung veritable Instrumente einer ganz persönlichen Perspektive auf die Welt, so hatten sie sich nun gewissermaßen demokratisiert. 1959 war Robert Lebels Monografie des Künstlers erschienen, das Buch lieferte den Schlüssel in die zweite, füglich universale Karriere Duchamps. Die Frage, die die Produktion um 1960 umtrieb, lautete so: Unter welchen Umständen, nach welcher Maßgabe, in welchen Kontexten, Situationen, Konstellationen wäre es angezeigt, Kunst wirksam sein zu lassen? Duchamps fast ein halbes Jahrhundert alte Strategie des Ready made zeigte sich bei Beantwortung dieser Frage erstaunlich behände auf der exaktesten Höhe der Zeit. Statt: Was ist Kunst? fragt es zurück Wann ist Kunst? Bethan Huws, Forest, 2008-09, Photo: Charles Duprat, Paris; Courtesy of the artist & Galerie Tschudi, Zuoz  © Bethan Huws & Bildrecht, Wien 2015 Da stehen sie nun in der Orangerie. Sie stehen da achtzigfach, diverse Varianten des einen Dings, besorgt von überall her, Modelle wie zum Defilee, arrangiert von Bethan Huws. Der Flaschentrockner machte Duchamp zum Ex-Maler. Display. Der Flaschentrockner wurde zur Inkunabel der Installation. www.kunsthalle-karlsruhe.de

Ihre Meinung

2 Postings in diesem Forum
Das
Stach | 03.11.2015 10:31 | antworten
..., das Duchamp, wie Metzger schreibt, in manchen seiner Arbeiteninhörierte, ist ja auch beim "Flaschentrockner" offen sichtlich: "Let's stick together" sang Bryan dann offen hörbar 1976.
... Schlüpfrige ...
Stach | 03.11.2015 10:33 | antworten
... hat das Schreibfenster nicht angenommen.

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