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Flüchtlingskrise

Diejenigen, denen erstaunliche Parallelen zwischen unserer Zeit und den Jahrzehnten vor dem Ende des römischen Reiches in den Sinn kommen, finden momentan reichlich Material geliefert. Genau hundert Jahre vor dem definitiven Zerfall des Imperiums 376 brandeten Germanenstämme über die Grenze, und sie konnten zum ersten Mal nicht mehr zurückgeschlagen werden. Die Barbaren, wie man sie nannte, hatten gelernt, dass man in großer Zahl kommen muss, nicht als versprengte Sipp-, sondern als veritable Völkerschaft, um unaufhaltsam zu sein. Angelockt hatte sie von vornherein der Wohlstand auf der anderen Seite, das Gefälle von Hier nach Dort wurde immer eklatanter, denn die Römer hatten nichts getan, um ihren Reichtum auch den anderen zukommen zu lassen. Als es dann, bedingt durch die Hunnen, im Balkan zu Krieg und Massenflucht kam, war der Untergang, wie die Historiker es dann etikettierten, auf den Weg gebracht (siehe dazu auch meine Newsletter-Splitter zum Erscheinen von Peter Heathers „Der Untergang des römischen Weltreiches“ 2008: http://artmagazine.cc/content35274.html). „Der Fascismus ist nur auf der Straße zu schlagen. Gegen die nationalsozialistische Gesindelpartei gibt es nur die Logik des dickern Knüppels, zu ihrer Zähmung nur eine Pädagogik: à un corsaire – corsaire et demi.“ Einer der überzeugtesten und überzeugendsten Pazifisten hat das im Herbst 1930 geschrieben, Carl von Ossietzky, der spätere Friedensnobelpreisträger, in seiner Zeitschrift „Weltbühne“. Ausgerechnet er fordert gegen die Nazis die Brachialität des stärkeren Zuschlagens: gegen einen Korsaren deren eineinhalb. Gegen die braune Soße, die momentan hervorquillt, hilft auch jetzt am besten eine Flut. Eine Flut der Unaufgeregten. Die vielerlei Hilfsaktionen sind, wie wie gemeint sind, friedlich. Es steht zu hoffen, dass die Evidenz der Menge es dabei belassen kann. Doch man darf gewarnt sein. „53 000 Berliner sterben im Jahr/und nur 43 000 kommen zur Welt./Die Differenz bringt der Stadt aber keine Gefahr/weil sie 60.000 Berliner durch Zuzug erhält“: Erich Kästner hat das im Jahr 1931 gereimt, „Berlin in Zahlen“ ist seine spezielle Lyrik überschrieben, und er hat eine Zeit erfasst, die gemessen an dem, was sich ein halbes Jahrhundert vorher zugetragen hatte, schon weitaus weniger dramatisch war. Es waren um 1900 nicht einige Prozent, sondern einige Hundert Prozent, in denen speziell die Städte ihre Bevölkerung vermehrten. Das war in der Tat unerhört, die Xenophobien, die Apokalypsen und die Heilsbringereien schossen aus dem Boden. Und es wurde Normalität: 1850 lebten in London 2,4 Millionen, 1913 7,3 Millionen Menschen. So viele sind es heute in etwa auch. Syrische Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof. Foto: nachrichten.at Womöglich ist das römische Reich überhaupt nicht untergegangen seinerzeit. Die Bildung lebte im Lateinischen weiter, die Elite in der Kirche, und es hielten sich Wohlstandsenklaven in manchen Städten wie Trier, Mailand oder Konstantinopel noch viele Jahrhunderte. Was das Zeitliche segnete, war ein Organisationszusammenhang, ein übergreifendes Ganzes, als Idee und als Institution, das Imperium. Heute heißt dieses Imperium Europäische Union. Wenn sie so weitermachen, wird es damit in der Tat bald vorbei sein.

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