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Deutsche Bilder

In Deutschland hatte der Hunger nach Bildern, der um 1980 um sich griff, drei Zentren. In Berlin lebten die Großstadtmaler, Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salome, die in deutlicher Tradition zu dem standen, was in den Zwanzigern dort passiert war. Vielleicht liegt es am Überhang des Motivischen, dass die Berliner Wilden sich eher dürftig in die neue Zeit des Neokonzeptuellen schleppten. Diese Zeit wiederum meisterten am besten jene Maler, die von Hamburg aus werkten. Zu Kippenberger – Oehlen – Büttner verbietet sich jede retrospektive Abgeklärtheit. Dann gab es schließlich die Kölner. Weil sie am ausgeprägtesten vom Boom ihrer Kunststadt profitierten, spürten sie von Walter Dahn bis Peter Bömmels auch am eigensten Leib deren Rezession. Nun sind sie alle wieder versammelt, die Malerschweine von damals, weiblich waren und sind wenige, die erinnert werden. Die Achtziger sind zurück, und mit ihnen eine gewisse Trauer um die verlorene Kultur der alten Bundesrepublik. Das Deutsche wird memoriert, mit dem Präfix Sub- versehen bekommt es den Glanz des Alternativen. Im Frankfurter Städel gibt man „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“. Im Haus der Kunst machen gerade „Geniale Dilletanten“ absichtlich falsch geschrieben Station. Die Wanderschau des Goethe-Instituts wurde mit Bildnerischem aufgepeppt, es stammt von den üblichen Lieferanten, und schon wird daraus ein Stück post-nachkriegszeitlichem Lieu de mémoire. Ausstellungsansicht "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD", Foto: Städel Museum Das Deutsche als Kalkül ist in der Tat ein Produkt der Zeit um 1980. Davor war das Deutsche zweifellos auch vorhanden, doch die Distanz, die sich aus der richtigen Justierung des Beobachterstandpunktes ergibt, fehlte ihm völlig. Die ersten fünfzehn Jahre nach der Neukonstituierung Deutschlands waren von der Restauration geprägt, und da galt es, das Nationale in aller Affirmativität wiederherzustellen, das sich so gründlich desavouiert hatte. Die nächsten fünfzehn Jahre gaben die große Zeit der Widerständigkeit und der Konflikte ab, und das Nationale wurde zum Fanal für den permanenten Abruf der persönlichen Idiosynkrasien. Erst als die “Erlebnisorientierung”, wie Gerhard Schulze es in seiner “Kultursoziologie der Gegenwart” nennt, Platz griff, konnte der in aller Vehemenz und Eindeutigkeit positiv wie negativ besetzte Schlachtruf eine gewisse Nonchalance gewinnen. Mit Öko-Bewusstsein, Wirtschaftskrise, dem Wuchern der Städte popularisierte sich das Ende der Fortschrittshoffnungen, und die Postmoderne bekam ihre Konjunktur. Das “Ende der Geschichte” wurde beschworen, die kleinen Unerhörtheiten traten auf den Plan. Dass die Blöcke, die die Welt in sich begriffen, jemals verschwinden könnten, war längst keine Agenda mehr, und die narzisstischen Auftritte in der Zitadellenkultur bestimmten die Tagesordnung. Anselm Kiefer ließ in seinen Erinnerungstableaus Namen und Ereignisse kursieren, in denen die Vergangenheit weniger aufblitzte als dass sie attraktiv schimmerte, um sich im Oberflächenspektakel zu verlieren. Werner Tübke schuf vis-à-vis beim ideologischen Feind sein Bauernkriegspanorama, auf dem sich die Geschichte der Antagonismen weniger in der klassen- als in der ausweglosen Gesellschaft kristallisierte. Man hatte sich eingerichtet. Die jungen Maler, die Wolfgang Max Faust Ende 1981 im Kunstforums-Band “Deutsche Kunst, hier, heute” auf die brandheisse Aktualität des Hic et Nunc verpflichtete, hatten es offenbar längst begriffen: “Im Westen nichts Neues. Wir malen weiter” nannten sie in eben diesem Jahr eine Schau mit Bildern der wilden Berliner in Luzern. Deutschland jedenfalls, in Ost und in West, war in den Fängen des Posthistoire. Dann kam 1989, und es begannen die Neunziger.

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