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Kosmos

„Tapu“ nennen die Polynesier ihre spezielle Form von Grenzziehung Sie verhindert, dass in ihrer Welt, die, mit einem Wort unserer Kultur, pantheistisch funktioniert, alles ineinander übergeht. Es braucht Tabuzonen. „Wo ein Gott in allem erhalten ist“, erlärt es der Sozialanthropologe Alfred Gell, „wird die Notwendigkeit, die Dinge voneinander getrennt zu halten, unermesslich, denn nur diese Trennung bewahrt das Wesen.“ Entsprechend inszeniert man die Dinge in ihrer, mit einem Wort unserer Kultur, Autonomie, man umhüllt sie, schließt sie ein und weiß dann auch, ob sie mit dem Leben zu tun haben oder mit dem Tod. Längst hat sich unsere Kultur, vermischend, hybrid, synkretistisch, wie sie ist, einiges von den Pazifik-Insulanern abgeschaut. Der Gebrauch des „Tatau“ beispielswiese, wie es gewisse Übergangsbereiche etwa zum Gesäß markiert, feiert heftigste Urständ, auch wenn in unseren Breiten womöglich verloren gegangen ist, dass dieses Tattoo den Abfluss des „Mana“, der immanenten heiligen Kraft des Menschen, hemmen soll. Das mit der Abschottung hingegen funktioniert besser denn je, denn der Homo Sapiens des Westens liebt ja auch Autos, die aussehen wie Panzer, und Penthäuser, die arbeiten wie Zitadellen. Das Zürcher Museum Rietberg, das der Ethnographie verschrieben ist, zeigt gerade eine Ausstellung samt schönem Begleitbuch, die sich den Ordnungsvorstellungen des Menschen quer durch die Jahrtausende und über die Kontinente hinweg widmet. Ordnung heißt auf griechisch Kosmos, das ist der Titel der Veranstaltung, deren Exponate zu einem Gutteil den eigenen Beständen entstammen. Die Einheit des Menschengeschlechts steht durchaus im Mittelpunkt der 17 Kapitel. Allein diese Zahl erzählt davon: Pate stand Apollo17, dessen Mission man die schönsten Bilder des Blauen Planeten verdankt. 17 Kulturen werden also nachverfolgt, die christliche samt vorbereitender jüdischer fehlt, dafür gibt es eine Abteilung zum Weltbild der modernen Physik. Natürlich lässt sich der aktuelle Jargon hier nicht so schön illustrieren, die Ritualobjekte beschränken sich auf Diagramme. Keine Weltesche Yggdrasil wie bei den Germanen, kein Weltenberg Meru wie im Buddhismus oder kein Weltrabe Yehl wie bei den Indianern der Nordwestküste Amerikas künden mehr von den Ursprüngen der Welt in ihrer - einerseits - Einheit, Ganzheit, Totalität und ihrer – andererseits – Abweichung, Abtrünnigkeit, Totalitarität. „Um die Erde“, schreibt der Katalog, „in ein Schwarzes Loch zu verwandeln, müsste man sie auf einen Durchmesser von zwei Zentimetern zusammenpressen, die Sonne auf sechs Kilometer.“ Staunens-, um nicht zu sagen Mythisierenswertes gäbe es genug für die Kosmologie von uns Heutigen. Das Menschengeschlecht ist gerade in Sachen Nichtwissen immer noch nah beieinander. Wir leben im Multiversum, erklärte jüngst Steven Weinberg, Nobelpreisträger der Physik, und von unserer Blase aus können wir das meiste eben nur so vage erkennen, dass wir von dunklen Löchern reden müssen. Weinbergs Fazit: „Der Mensch ist vielleicht wirklich das Maß aller Dinge“ - allerdings nicht in der emanzipatorischen Dimension, wie das einst gedacht war. Das Maß des Menschen ist seine Ignoranz. Um so beflissener schafft er darin seine Ordnung. www.rietberg.ch Katalog: Kosmos – Weltentwürfe im Vergleich, Zürich: Scheidegger & Spiess 2014

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