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Mann ohne Eigenschaften

„Welche ungeheure Leistung heute schon ein Mensch vollbringt, der gar nichts tut“, versucht Robert Musils Held Ulrich in einer Welt auszuloten, in der man sich am besten ohne Eigenschaften durchschlägt. Nichts tun ist eine Qualität. Wer wüsste das nicht besser als all die Models, Moderatoren und sonstwie medial Präsenten, deren Phänomenalität entsprechend weniger in einer Leistung als in der möglichst ausgiebigen Vorführung dessen besteht, einfach da zu sein. Dieses Erfolgsprinzip ist in den letzten Tagen speziell bei Nicholas Sarkozy gewürdigt worden. Vielfach hat man sich darüber belustigt, wie Monsier le Ex-président es hinbekommen hat, von der ihm zustehenden vierten Reihe ganz nach vorne zu entwischen, als es darum ging, in gestellter und gestelzter Pose ein Gruppenbild der Trauer zu verdeutlichen. Dass das Ganze ohnedies Fake war, hat die Heiterkeit nicht gemildert, und so ist man fürs soziale Netzwerk eifrig in den PhotoShop gegangen, um Sarkozys kompakte Gestalt in Bilder hineinzumontieren - Allenthalben ist es aufgetaucht: Sarkozy wurde fünfter Beatle auf dem Cover von Abbey Road, stiller Beobachter auf Leonardos Abendmahl oder er schob sich in die Szenerie beim Händchenhalten zwischen Kohl und Mittérrand. Der eingangs zitierte Satz von Musil steht auf dem Cover eines Katalogs, den der Münchner Künstler Matthias Wähner im Jahr 1994 herausbrachte. „Mann ohne Eigenschaften“ war eine Fotofolge überschrieben, in der Wähner mit sich selber eben das exerzierte, was man gerade Sarkozy angedeihen ließ. Der Schatten des Körpers des Künstlers huscht in vierzig Momenten über ausgewählte Situationen der jüngeren Geschichte, er ist einfach da und spielt im exemplarischen Augenblick Zaungast, Zeitzeuge, Zwischenträger. Auch Wähner gibt einen fünften Beatle (allerdings auf einer frühen Aufnahme der Fab Four bzw. Five), auch er ist beim Händchenhalten dabei (allerdings darf er selber zugreifen, und zwar bei Brigitte Bardot), auch er montiert sich in ein Kanzlerbild (allerdings jenes von Willy Brandt am Denkmal für das Warschauer Ghetto), auch er hat Anteil an der Biografie von Che Guevara (allerdings zeigt er sich neben dessen Leiche stehend). Ich habe damals über Wähners Arbeit geschrieben und ziemlich daran herum moralisiert. Ich nörgelte über die Vermischung von Quellen aus Gossip und Ereignisgeschichte; ich sah in der vielfachen Wiederholung des selben Montageprinzips etwas zu viel Simulation im Spiel; und ich bemühte entsprechend Baudrillard und sein Diktum, „dass die Verdopplung des Zeichens [...] dem, was es bezeichnet, ein Ende“ mache. Speziell Brandts Arbeit an einem Lieu de mémoire für die Deutschen fand ich damals durch den Kakao gezogen – zumal noch nicht absehbar war, wohin der durch die Wiedervereinigung genährte Rechtsruck im Land führen würde. Heute ist festzustellen, dass der Gang der Ereignisse Wähner und seine Mise-en-Scène auf ganzer Linie bestätigt hat. Aus jetziger Sicht ist Wähners Arbeit ein herausragendes Stück Kunst der Neunziger Jahre, hellsichtig und sensibel - und vor allem auch ganz selbstverständlich in seinem Gebrauch einer damals radikal neuen Technologie. Wähners „Mann ohne Eigenschaften“ ist mehr denn je ein Held der Gegenwart. Die Beispiele anbei mögen für sich stehen.

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