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Barbed Hula

Nackt steht die Künstlerin am Strand und lässt den Bauch nach einer bekannten Methode kreisen. Die Kamera fokussiert auf ihre Taille, die Scham ist groß im Bild, doch das fällt eher weniger auf, denn es gibt da ein kadersprengendes Element, das alle Aufmerksamkeit beansprucht. Statt eines Reifens bedient sich dieser Hula Hoop eines Rings aus Stacheldraht, die Hüfte ist versehrt von Wunden, denn das Rotieren, das das Video festhält, geht eine Minute. „Barbed Hula“ ist das Kunststück betitelt. Es stammt von der israelischen Künstlerin Sigalit Landau, die gerade ihre Installation „Compressed Household“ im Schauraum des Wiener Freud-Museums zeigt. Ich halte „Barbed Hula“ für eine der herausragenden Arbeiten der Gegenwart. Es passt zur Theatralik dieser Art von zeitbasiertem Werken, dass die Spitzen des Stacheldrahts nach außen gebogen sind. Die Markierungen der Haut werden während des Kreisens jedenfalls nicht eklatanter, sie sind mitgebracht, retouschiert, per Kosmetik aufgetragen, so dass ein Hauch von Splatter über der Szenerie liegt. Natürlich ist dieser Auftritt forciert, und das Militante der Aktion setzt auch einen perfekten Gegenakzent zur Strandszenerie mit ihrer Friedlichkeit, dem Rauschen des Meeres, dem Angler im Hintergrund und der unbeteiligt passierenden Frau im Badeanzug. Dass es mit der Autoaggressivität nicht ganz so weit her ist, liefert auch einen Kommentar zur Opferthematik, die seit Langem so fürchterlich en vogue ist. Gerade hier könnte der Viktimismus die frischesten Urstände feiern. Es spricht für Sigalit Landau, dass sie sich nicht allzu weit hineinwirft in die Suggestion von Verletzung und Matryrium. Schließlich sind der Ort und die Zeit, zu der sie sich und ihre Zuständigkeit reklamiert, auch versehrt von Täterschaft. Ausschnitt aus "Barbed Hula" Das beste an „Barbed Hula“ ist natürlich seine Evidenz. Man sieht das Video, ist – und hier passt der martialische Begriff, der gern verwendet wird, wenn man Betrachterhaltungen Kunst gegenüber verordnen will – in Bann geschlagen und stellt sich in seiner Befangenheit auf so etwas wie Komplizenschaft ein. Die Mittelbarkeit des Mediums Video schafft tatsächlich Unmittelbarkeit. Im Jahr 2000 ins Werk gesetzt, hat das Band, hergestellt am Strand südlich von Tel Aviv, nichts von seiner Präsenz, seiner Plötzlichkeit, verloren. Das liegt auch an der Ungebrochenheit der Problematik. Gerade kämpfen sie wieder in Israel, und im Grunde könnte man eine solche Feststellung seit mehr als fünfzig Jahren einfach wiederholen. Sigalit Landau ist in Jerusalem geboren, heute lebt sie in Tel Aviv, zwei Brennpunkte des Geschehens sind damit abgesteckt. Die zwei israelischen Architekten Eyal Weizman und Rafi Segal stellten bei einem Architekturkongress in Berlin ein Projekt vor, das aus einer Brücke zum Tempelberg, arabisch Haram asch Scharif, bestand. Die auslandende Konstruktion mit ihrer Verankerung im Gebiet der Palästinenser sollte es den muslimischen Gläubigen ermöglichen, ihre heilige Stätte zu erreichen, ohne den Boden Israels zu betreten. Natürlich war das Projekt absurd. Aber es sprach Bände über die Situation. Das war 2002. Bei einem Treffen zwischen Yassir Arafat und dem damaligen Ministerpräsidenten Ehud Barak in Camp David schlug Bill Clinton eine spezielle Grenzziehung vor. Statt einer vertikalen, die die Areale von unten nach oben scheidet, sollte am Tempelberg eine horizontale Markierung gelten: Die Oberfläche des Plateaus wäre palästinenisch, Fels und Substruktionen inklusive Klagemauer gehörten zu Israel. Das wiederum war 2000. Sigalit Landaus Arbeit ist vom selben Jahr wie dieser Vorschlag. Sie hat eine drastische Vorführung parat, wie eine Markierung aussieht, die horizontal verläuft: am eigenen Körper. Das tut weh. Aber womöglich wäre es nicht so schlimm, wie es aussieht.

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