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Ein Tag im Jahr

Wenn es Kunst wäre, müsste man es Conceptual Art nennen. Es erinnert an die daseinsbegleitenden Verfahren von On Kawara oder Roman Opalka; oder an, um das Medium zu wechseln, die tägliche Fotografie, die Harvey Keitel alias der Tabakhändler Auggie Wren in Wayne Wangs/Paul Austers „Smoke“ vor seinem Laden in Brooklyn macht. Wie es sich gehört für solche Inszenierungen einer Einheit von Kunst und Leben, endet sie mit letzterem. Der Tod erst schneidet der Serie den Faden ab. Vorher ist jede Entscheidung überflüssig. Auch bei Christa Wolf war der letzte Text der ultimative. Über mehr als ein halbes Jahrhundert hin rang sie sich jeden 27. September einen Beitrag zu eben diesem Datum ab. Sie besprach ganz für sich, was ganz für sie der Fall war: das Historische und vor allem das Befindliche. Punktgenau trägt sie ein, wie sie geschlafen hatte, was an Träumen angefallen war, was es zum Essen gab, was sie sich an Kleidung zurechtgelegt hatte und was sie, da am 28. September ihre jüngere Tochter Katrin, genannt Tinka, Geburtstag hat, an Geschenken auftreiben konnte. Das Politische ist das Private: Gerade in den vielen Eintragagungen, die zu Zeiten der DDR passierten, war das Besorgen oder Verpassen von Dingen jederzeit ein Kommentar zum Status Quo. Christa Wolf begann ihre Notizen im Jahr 1960, noch ganz offiziell auf Einladung der Moskauer Zeitung Iswestija, die sich an nicht weniger als die „Schriftsteller der Welt“ wandte und um eine Art Tageslosung für den 27. bat: Aufgegriffen wurde dabei eine Idee Maxim Gorkis. Linientreu machte die junge Autorin sich ans Werk. Ihr erstes Hauptwerk „Der geteilte Himmel“ stand gerade am Horizont. Dass sie zu keinem Ende mehr kommen würde, war nicht im Plan vorgesehen. Die Chronistenpflicht, die sie mehr und mehr annimmt, macht die Folge ihrer Texte zu einem Schlüsseldokument des Kalten Kriegs und was aus ihm werden sollte. Die Schriftstellerin als Brigadiere im Waggonwerk; die Rednerin beim berüchtigten Bitterfelder Kongress, auf dem verfügt wurde, wie man fortan sozialistisch realistisch zu Werke gehen sollte; die Haupt- und Staatsautorin der Siebziger, die ihre persönlichen Freiheiten und Privilegien mit verordneter Nähe zu den Mächtigen bezahlt; die zunehmend Frustrierte, deren Staat in völliger Unfähigkeit zu Reformen erstarrt; die Stasi-Überwachte, die davon weiß, aber vor lauter Verzagtheit auch nichts mehr ändern will – vor allem auch keine Änderung ihres Wohnsitzes; die für den geschichtlichen Moment potentielle Staatspräsidentin der Wende; die Altersstarrsinnige, die überall den Feind wittert: Eine exemplarische Bürgerschaft jedenfalls im 20. Jahrhundert. Meistens muss sie sich ermahnen: „Ich glaube, mir fiel ziemlich früh schon ein, daß heute 'Tag des Jahres' ist“, trägt sie 1996 ein: „Aber was ich mir immer vornehme, früh zu denken: Heute ist der erste Tag vom Rest des Lebens!, habe ich wieder nicht gedacht.“ 2003 sind die ersten vierzig Jahre zusammengefasst und in ein Buch gepackt worden, 2013 brachte der Witwer Gerhard Wolf die abschließende Teile, darunter ein ergreifendes Fragment vom Sterbebett, heraus. Das 2003 geschriebene Vorwort dazu steht in beiden Bänden. „Subjektivität bleibt wichtigstes Kriterium des Tagebuchs“, steht darin zu lesen. Ist es Subjektivität? Dazu scheint vieles doch allzu geglättet und geschönt. Objektivität ist es natürlich noch weniger, auch wenn die Übermacht mancher Ereignisse die einzelne Figur jedenfalls sehr einsam dastehen lässt. „Heute ist der erste Tag vom Rest des Lebens“, nahm sie sich stets vor: In einer solchen Dimension ist Christa Wolfs Diarium ein Stück Idiosynkrasie. Conceptual Art eben. Erster Eintrag in: Ein Tag im Jahr: 1960-2000 von Christa Wolf

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