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Der reine Alltag

Übers Wochenende gab es hier auf der Startseite des artmagazine eine fotografische Arbeit von Clegg & Guttmann zu sehen. Sie steht immer noch da, ein wenig nach unten gerutscht, und ist der visuelle Teaser zu dem Artikel, in dem Stefan Kobel über die Saisoneröffnung der rheinischen Galerien berichtet. Clegg & Guttmann sind bei Mirko Mayer in Köln zu sehen. Der Galerist ist der Sohn von Rolf Mayer, der damals in den Achtzigern, als die Arbeiten entstanden, deren bedeutendster Sammler war. Die beiden exemplarischen Vertreter einer neuen Konzeptualität, die sich nunmehr gern des fotografischen Mediums bediente, waren bevorzugt mit Porträtaufnahmen beschäftigt; daneben entstanden Stilleben. Beide Sujets standen im Banne der damals aktuellen Appropriation. Clegg & Guttmann, Echt Kölnisch Kölnisch Wasser, 1985 Cibachrome print, acrylic laminate, framed, 46 x 77 cm, Mirko Mayer Galerie / m-projects Mayer sammelte die Stilleben. Die momentane Ausstellung wiederum ergibt sich durch die Zusammenarbeit mit Christian Nagel, und das ist der Grund, warum ich jetzt was dazu schreibe. Zusammen mit Matthias Buck war Nagel damals der Leiter der Galerie Christoph Dürr in München, beide sind Studienfreunde von mir, und so kam ich nicht weniger als in den Kunstbetrieb. „Der reine Alltag“ hieß die Gruppenschau, für die ich meinen ersten Katalogtext verfasste, der Katalog war eine Broschüre, die einzige Arbeit, die abgebildet war, stammte von Jeff Koons (der dafür nicht in der Ausstellung vorkam), und was darin zu lesen war, stammte von mir – ebenso wie der Titel. Günter Förg war dabei, Richard Prince, Ken Lum, Simon Linke, Peter Nagy, Hans-Jörg Mayer sowie eben Clegg & Guttmann mit ihren Stilleben. Die Liste kann sich sehen lassen. Ausstellungszeitraum war 13. März bis 25. April 1987. Hier nun, in aller Bescheidenheit, einige Zeilen aus dem damaligen Text: „Clegg & Guttmann liefern Anschauungsunterricht für die Re-Produktion des Emblems: fotografiertes Tableau Vivant der Nature Morte... Tod war das zentrale Thema holländischer Stilleben, und vervielfältigt findet er sich wieder bei Clegg & Guttmann: als Tod der Gattung Stilleben in der Substitution des vormals Exotischen durch Schriftzüge auf den ins Bild integrierten Waren; als Tod des Gemäldes durch die fotografische Inszenierung; als Tod des Kunstwerks durch die Verfügbarkeit für die Werbung; schließlich wird die gesamte Vanitas-Thematik untergraben, indem ihre Zeichen zur Staffage werden: Der Tod wird zum Zitat.“ Dann folgt, was unvermeidlich war um die Mitte der Achtziger, und an dieser Stelle auch schon ein wenig verspätet. Es folgt auf den Satz mit dem Zitat eben ein Zitat, und natürlich ist es aus Jean Baudrillards „Der symbolische Tausch und der Tod“, 1982 im dafür zuständigen Verlag Matthes & Seitz auf deutsch erschienen. In vollstem Wohlstand, wie es Ende des Jahrzehnts dann Otto Karl Werckmeister auf den Punkt bringen wird, waren wir mit nichts anderem als der Katastrophe beschäftigt, und wir fühlten uns wohl, wenn wir sie einwattieren konnten in die Metaphysik des Codes. Dass Baudrillard ein Situationist war, dessen künstlerisches Credo bei CoBrA auf den Punkt kam, war außerhalb unseres Horizonts. Letztlich habe ich mit Baudrillard exerziert, was ich in der akademischen Kunstgeschichte gelernt habe. Man nimmt einen Satz, reißt ihn aus dem Zusammenhang und projiziert ihn umstandslos auf ein Bild, als befände sich das eine zum anderen in einem illustrativen Verhältnis. Der Bezug erscheint gerade in seiner Kurzschlüssigkeit als nichts anderes denn evident. Ein wenig dick Auftragen schadet dabei auch nicht. Mein Text hat mir damals viel Wohlgefallen eingebracht. Bald schrieb ich für den Wolkenkratzer und für FlashArt. Mittlerweile bin ich sogar beim artmagazine. Und das ist jetzt der reine Alltag.

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