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Worte und Bilder

Dass die Kunst und ihr Betrieb Konjunktur haben in der Welt, muss nicht groß betont werden. Gerade gibt es einen Hollywood-Streifen, der sich eines offenbar als höchst einschlägig erachteten Phänomens annimmt. „Words and Pictures“ heißt Fred Schepisis Streifen, Clive Owen und Juliette Binoche begeben sich auf die Blutwiese einer High School, um sich vor den Schülern und bis in die finale Verliebtheit hinein darüber zu streiten, ob die Literatur, die er, oder die Bildende Kunst, die sie verkörpert, die Sprache liefern, die die Realität meistert. Die Malerei im Film wird von Madame Binoche selbst zur Verfügung gestellt, die Texte dagegen stammen von Oscar Wilde oder Shakespeare, doch letztlich, der Regisseur ist ein Gentleman, endet das Duell, das ein wenig wie die Battles der Rapper daherkommt, auf einer Art Augenhöhe. Der Film scheitert, natürlich, denn die beiden Hauptdarsteller sind bei aller Präsenz nur Personifikationen in einer längst anachronistischen Allegorie. Ob Worte oder Bilder der Welt näher kommen, ist eine Frage, die man sich in der frühen Neuzeit gestellt hat. Um das entscheiden zu können, bedarf es nämlich eines gemeinsamen Dritten, das den Maßstab setzt, und das war bis um 1800 die Natur. Ihr auf die virtuoseste, meisterhafteste, technisch versierteste Weise zu entsprechen, war das Metier der visuellen wie der literalen Kompetenz, – solange man jedenfalls glaubte, dass eine Instanz, wer auch immer für sie zuständig war, die Welt auf das Verständigste eingerichtet hat. Seit man diese Instanz zu Grabe getragen hat, macht jeder, Poet wie Künstler, sein Ding. Mehr ist nicht zu holen. Wie sieht es nun aus in der Moderne mit dem notorischen Gegenüber der beiden Sprachen? Nehmen wir als Beispiel zwei der allergrößten: Rilke und Cézanne. Gut zwei Wochen müht der Dichter sich anlässlich des Salon d'Atuomne 1906 ab, der Piktoralität Cézannes die eigene Verbalität entsprechen zu lassen. Doch bleibt, so muss er nach Ende der Ausstellung in den Briefen, die er an seine Frau schreibt, erkennen, die Anverwandlung ein Ereignis in der Möglichkeitsform: „Ich mußte denken gestern abend, ob mein Versuch, die Frau im roten Polstersessel anzudeuten, Dich zu irgendeiner Vorstellung bestimmen konnte? Ich bin nicht sicher, auch nur das Verhältnis ihrer Valeurs getroffen zu haben; mehr als je scheinen mir Worte ausgeschlossen, und doch müßte die Möglichkeit, sich ihrer zwingend zu bedienen, da sein, vermöchte man nur, ein solches Bild wie Natur anzuschauen: dann müßte es als ein Seiendes auch irgendwie ausgesagt werden können.“ Die Annäherungsversuche der geschriebenen an die bildliche Sprache kommen Rilke gescheitert vor. „Das Sagen“, so der Autor in einer besonders schönen Wendung, „geht irgendwo draußen vorbei.“ Rilkes Briefe dokumentieren ein Darstellungsproblem. Es mag ihn nicht getröstet haben, dass auch Cézanne ein Darstellungsproblem hatte. Vielfach hört man das Lamento, dass das Bild nicht so mag, wie die Absicht es will, aus Cézannes eigener Korrespondenz. Die „réalisation“, die Umsetzung dessen, was die Natur liefert, in ein „tableau“, ist ihm ein steter Anlaß für Geduldspiele und Frustrationen. Es ist die Erfahrung einer Differenz, der Cézanne begegnet und die die bildnerische Moderne überhaupt betrifft: Das Visuelle ist noch lange nicht das Piktorale, und jede Unmittelbarkeit der Wahrnehmung, des Erlebens, des Ausdrucks bedarf, wenn man Kunst macht, der Mittelbarkeit eines Mediums. Es gibt eine Widerspenstigkeit, eine Sprödigkeit und eine Eigendynamik dessen, womit der Künstler hantiert, die sich seinen Absichten nicht freiweg fügen. Das, womit der Kritiker hantiert, gibt sich nicht weniger spröde und selbstsüchtig. So sieht er also aus, der Status Quo seit 200 Jahren. Was „Words and Pictures“ herankarrt, ist dementsprechend nichts anderes als Kitsch. Kitsch, wie so vieles, das geschrieben oder gemalt wird. -- Ab 13. Juni in Kinos in Österreich

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