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Kanonisierung

Eine der seltsamsten Veranstaltungen des Jahres geht am heutigen Sonntag in Rom über die Bühne. In einem Moment, da man nach Jahrhunderten wieder zwei Päpste gleichzeitig hat, einen amtierenden und einen emeritierten, werden zwei Päpste heilig gesprochen - zwei andere natürlich, Johannes XXIII. und Johannes Paul II., beide tot, das schon, aber zumindest im Fall des Letzteren noch nicht sehr lang. Eine solche Nähe von Heiligsprechung und Todesdatum hat es zuletzt bei Franz von Assisi gegeben, der 1226 starb und sich zwei Jahre darauf bereits ein Sanctus vor den Namen schreiben durfte. Dass der jetzt in Amt und Würde stehende Pontifex sich als der allererste eben Franziskus nennt, passt in die skurrilen Praktiken der immer noch Allerheiligsten Mutter Kirche dann perfekt hinein. Dass in der Liste der Benedikte, deren sechzehnter der voriges Jahr abgetretene ist, gleich drei Gegenpäpste aufscheinen und es somit nicht weniger als vier von ihnen zum Duo mit einem anderen Papst brachten, passt ebenso. Und was noch passt: Einen Johannes XXIII. gab es schon mal, im frühen 15. Jahrhundert, er war, nun ja, Gegenpapst. Die Oberhäupter des Katholizismus haben sich ihre Epiphanien bewahrt, doch gottseidank ist unsereiner ja Atheist. Ersparen wir uns also weitere Kommentare und erinnern daran, dass die spezielle Behandlung, die den beiden verstorbenen Vertretern der letzten absoluten Monarchie in Europa am Sonntag widerfährt, Kanonisierung heißt. Sie werden in den Kanon aufgenommen, und den gibt es nicht nur in der Theologie, sondern auch, es ist eines meiner Lieblingsthemen, in der Kunst. Als kleine Hommage an das Spektakel auf dem Petersplatz hier also ein Stück Kunst, ein vertracktes Stück, das den Prozess, dem es selber unterliegt, zum Sujet macht: Mark Tanseys „Constructing the Grand Canyon“ von 1990. Mark Tansey, Constructing the Grand Canyon, 1990, Öl auf Leinwand Eine Felslandschaft, ein Canyon, wird gezeigt, doch er ist nicht Naturerscheinung, sondern das Ergebnis handwerklicher Bemühungen: Gestein wird abgebaut. Arbeiter sind zu sehen, und im Zentrum des Bildes Ingenieure, die Architekten der artifiziellen Welt, deren Sedimente und Lagen aus Schrift bestehen. Jacques Derrida und Paul de Man haben diese Schriften, die in Tanseys Bild teilweise lesbar sind, geliefert, und entsprechend sind es diese beiden Denker, denen die Bildmitte gebührt. Die Komposition lehnt sich deutlich an Raffaels im Vatikan befindlicher „Schule von Athen“ an, und was seinerzeit Plato und Aristoteles für die Päpste waren, sind jetzt die Dekonstruktivisten für die Künstler. „Constructing The Grand Canyon“ ist natürlich ein „Constructing the Grand Canon“; das Material für die zeitgemäße Kanonizität liefern Tansey und seine philosophischen Einflüsterer. Dass die Theorie der Dissemination, die auf Derrida und de Man zurückgeht und die sich selbst als ultimative Infragestellung aller Verbindlichkeit konzipiert hat, sogleich als die kanonischste aller Methoden im Raum steht, ist in der Vorführung inbegriffen. Tanseys Darstellung ist ein typisches Beispiel für die überbordenden Komplexitäten in der Bildwelt der Achtziger. Sie hat, bei aller Denkakrobatik, ein wenig von seinem Esprit verloren; sie wirkt aus der Zeit gefallen. Damit wären wir wieder in Rom.

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