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Zeitung

„Die Zeitung als täglich gedrucktes und verteiltes Produkt wird nicht überleben.“ Das soeben erschienene Buch, in dem dieser Satz zu lesen ist, gibt sich auf seinem Cover entsprechend als Parte, als Todesanzeige, weiß mit schwarzem Trauerrand, und es steht „Ein Nachruf“ dabei. Der Schwanengesang wird angestimmt von Michael Fleischhacker, dem österreichischen Journalisten, der in leitender Position sowohl bei „Standard“ als auch „Presse“ bekannt, einflussreich und, womöglich, auflagenstark geworden ist. Seinem Metier gibt er keine Chance mehr. Das Internet machts unmöglich. Zur Bekräftigung seiner Überzeugung erzählt er gleich dreimal im Buch, dass die „Washington Post“ sich an „Amazon-Gründer Jeff Bezos“ verkauft habe, „mangels Glaubens an eine Zukunft“. Fleischhacker weiß dafür, wie die aussieht, sie hört auf die Begriffe „Schwarmintelligenz“, „Kollektives Wissen“, „Netzwerkdenken“. Eine „sekundäre Oralität“ werde in der weltweiten Kommunikation Einzug halten, schreibt er, eine Mündlich- und Unmittelbarkeit, wie sie gang und gäbe waren vor den Textualitäten der Gutenberg-Galaxie, die kulturgeschichtlich bald nur noch als „Parenthese“, als „Einschub“ gehandelt werden wird. Es orakelt gehörig gemäß Monsieur Derrida, und Fleischhacker empfindet seine Aufklärungskritik sichtlich als emanzipatorisch. Die „Erfüllung“ der „Bedürfnisse“ des Publikums werde nunmehr wichtiger sein als „die Perpetuierung der eigenen Produktionsroutinen“, wobei mit den „eigenen“ diejenigen der Redakteure und mithin auch die bis dato für den Autor gültigen gemeint sind. Fleischhacker spielt mit auf der Klaviatur der User Generated Contents, die den Journalismus alimentieren, indem sie dessen bevorzugtes Medium fressen. Rette sich, wer kann, ruft Fleischhacker, der Journalist, und trägt zu Grabe, was sein Metier ausmacht: die Professionalität. Der Dilettant feiert Renaissance, jene Figur des Ancien Régime, der mit der bürgerlichen Geschäftigkeit um 1800, speziell durch einen Aufsatz, den Goethe und Schiller gemeinsam geschrieben haben, in die Ecke des eifrigen Nichtskönners geschoben wurde, in eine Ecke, die sich jetzt um so geräumiger darstellt, je mehr sich das Volksempfinden per Internet-Präsenz zu Wort meldet. Vor einigen Monaten haben Lothar Müller und Thomas Steinfeld, beide sind sie Feuilleton-Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“ das eklatante Gegenteil in Aussicht gestellt. „Die Zukunft der Zeitung“ war ihr Essay im „Merkur“ betitelt, der vehement für Professionalität, die Autorität der Kundigen und die Komplizenschaft zwischen seriöser Berichterstattung und seriöser Leserschaft plädierte. Die Pressure Group an durchaus elitärem Zugang zu Information habe nie mehr als „2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung“ erreicht, und genau von dieser Geringfügigkeit lebt die positive Prognose: „Die Zeitung ist elitär, nicht obwohl, sondern weil sie einen Anspruch auf Allgemeinheit erhebt. Sie ist repräsentativ, und sie muss sich repräsentativ verstehen, weil ihre Aufgabe darin besteht, den festen Rahmen zu schaffen, in dem jede wichtige, neu hinzukommende Nachricht verhandelt wird.“ Fleischhacker schreibt sichtlich von Österreich aus. Da hat die Zeitung keinen elitären Anspruch, und um Artikel hervorzubringen hält man lieber das Näschen in den Wind als dass man das Gehirn einschaltet. Fleischhacker glaubt also nicht an den möglichst herrschaftsfreien Diskurs der Gebildeten. Dafür sinniert er über die diskursfreie Herrschaft der Internet-Foren. Ob denen die Zukunft gilt, ist noch nicht ausgemacht. Michael Fleischhacker Die Zeitung - Ein Nachruf Brandstätter, Wien 2014 ISBN 978-3-85033-655-0

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