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Freaks

In den Neunzigern durfte ich insgesamt viermal an der sogenannten "Kritiker-Umfrage" der Zeitschrift "art" teilnehmen. Als Vertreter der glorreichen Kunstnation Österreich. Ich beerbte dabei Kristian Sotriffer, heute hält der Kollege Mittringer das rot-weiß-rote Fähnchen hoch. Mit der Beantwortung von drei Fragen ist man bei der Kritikerumfrage dabei. Man sollte darlegen, welche Ausstellung einem warum erstens besonders gefiel, zweitens besonders mißfiel, und schließlich, drittens, die Künstlerpersönlichkeit nennen, die einem als Newcomer speziell ins Auge stach. Das erste Jahr, 1995, nannte ich Claude Cahun, und als Peter Weibel dann etliches darauf eine Ausstellung von ihr brachte, wusste ich mich weit meiner Zeit voraus. Dann schlug ich Tracey Moffat vor, die später einmal in der Kunsthalle Wien zu sehen gewesen sein würde. Auch ein guter Tip. Der Durchhänger kam das Jahr darauf, als ich auf die russische Gruppe AES setzte; sie harrt noch der weltweiten Rezeption. Der absolute Hit aber war mein letztes Votum. Ich darf mich nunmehr selbst, Zeitschrift "art", Heft 1/99, S. 57, zitieren: "Gunther von Hagens. Ein Anatom, dessen Plastinationsverfahren leistet, was die Body-Artisten, seit es sie gibt, vergebens versuchen: den menschlichen Körper in seiner schieren Biologie, seiner Hinfälligkeit, seiner sechsmilliardenfachen Verbreitung als etwas Besonderes kenntlich zu machen. Vom Lächerlichen zum Erhabenen ist es weiter, als der Kunstbetrieb bisher dachte." Mit diesem Statement brachte ich es auch gleich auf den Folder, den man verteilte, als Hagens seine Freaks in Wien zeigte. Mein Newcomer ist ganz gewaltig gekommen in den letzten Jahren, mit Millionenpublikum und gerichtlichen Auftrittsverboten. Jetzt will er seine Show-Zerlegung in Wien zelebrieren. Der Mann mit dem Hut, der es einst mit Joseph Beuys hatte, aber heute vorgibt, seine Kopfbedeckung dem Doktor Tulp aus Rembrandts Anatomie-Bild nachzuempfinden, dieser Mann mit dem Hut liefert dem Massenpublikum genau die Retortenstücke, jene lebendig scheinenden Leichen, die es etwa auch an den Produkten und Produktionen Dieters Bohlen liebt. Der Kunstbetrieb rümpft dagegen sein Näschen. Zumindest soll Hagens nicht als Künstler gelten. Und er ist in der Tat keiner, jedenfalls nach moderner Fasson. Er ist ein Skandalon, weil seine Kunst tatsächlich von Können kommt. Er ist ein Skandalon, weil er ein Virtuose ist und diese Meisterschaft verknüpft mit der Herrschaft des Spektakels. Hagens steht damit auf zweifache Weise im Gegensatz zu dem, was der Kunstbetrieb momentan sanktioniert. Hagens steht aber noch viel mehr im Gegensatz zu den Bohlens dieser Welt. Er verkörpert den fundamentalsten Unterschied: Er kann etwas. Er passt in der Tat besser zu Rembrandt als zu Beuys. Und mir mag es an dieser Stelle gestattet sein, dies für eine Qualität zu halten. Auch heute noch.

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