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Fragezeichen

Im Jahr 2005 hat der Berliner Anglist Hans-Dieter Gelfert in Buchform eine prinzipielle Frage gestellt: „Was ist deutsch?“ Gelferts Darstellung ist schlagend, wenn er zum Beispiel die Flüche untersucht, in denen sich die einzelnen Nationen an der Welt schadlos halten. Wenn die Engländer dabei etwa den Geschlechtsverkehr beschwören, während die Deutschen der Koprophilie frönen, dann ist der Unterschied nicht nur psychoanalytisch erklärbar. Dass die Engländer beim Fluchen die Schamgrenzen ausloten, während die Deutschen sich an den Ekelgrenzen abarbeiten, ist von purer kulturhistorischer Stringenz: Die einen suchen in einer starken Gesellschaftlichkeit einen Intimbereich aufzubauen, während die anderen nach dieser Gesellschaftlichkeit gerade erst verlangen und sie definieren, indem sie Ordnungs-, und das heißt Reinlichkeitsvorstellungen bemühen. Die Engländer hatten nie ein Problem mit ihrer staatlichen Identität, die Deutschen hatten sie im Grunde permanent. Das schlägt sich nieder in der Praxis des Sprechens, sei es gesittet oder schlage es über die Stränge. Doch Gelfert hat Probleme, wenn es ums Künstlerische geht. Plötzlich wird vom „Wesen“ des Nationalen schwadroniert, die Architektur, die als deutsch apostrophiert wird, zeichnet sich auf einmal durch die „Umhüllung eines bergenden Raums“ aus, und es gibt ganz ohne Anführungszeichen oder sonstigen Ironievorbehalt die „erhabensten Beispiele“ unter den Werken. Der Jargon, der untersucht werden soll, hat sich der Analyse selbst bemächtigt, und es nimmt nicht weiter Wunder, dass sich im Zirkelschluss der Eigentlichkeit das anvisierte Deutsche wohlfeil herauspräparieren lässt. Die Bilder können sich bekanntlich nicht wehren, und weil sie so viel unbestimmter sind als die Texte, oszillieren sie bunt zwischen allen Bedürfnissen ihrer Interpreten. Deutsch sind sie dann insofern, als man sie dafür hält und vor allem dafür halten will. Im Kölner Museum für Angewandte Kunst versucht im Moment Rolf Sachs, Designer mit deutschem Vater, Schweizer Herkunft und Wohnsitz in London, an die Frage weniger essentiell heranzugehen. „Typisch deutsch?“ heißt seine Präsentation von neu und einschlägig gestalteten Objekten, und sie knüpft im Titel an „Typisch deutsch“ an, das Buch von Hermann Bausinger aus dem Jahr 2000, um ihm dabei ein Fragezeichen hinzuzufügen. „Die/das Maß“, 2013 © Rolf Sachs / Foto: Byron Slater Bausinger, der eine wichtige Entrümpelungsarbeit geleistet und seine Disziplin,die Volkskunde, vom rechten Blut- und Bodensatz befreit hat, bemühte 2006 seinerseits das Fragezeichen. „Wann ist deutsch? Zu den Funktionen des Typisierens“ hieß sein Aufsatz für einen Katalog des Germanischen Nationalmuseums: Im Schlusssatz wird die Ausgangsfrage dann so beantwortet: „Wann ist deutsch? Gestern.“ Das ist sehr pointiert gesagt, und doch belässt es das Problem in der Ecke der Unverbesserlichen. Was Bausinger nicht erwähnt, ist die Ähnlichkeit seiner Frage mit jener, die einst Nelson Goodman gestellt hat. Die Frage steht über dem vierten Kapitel von Goodmans 1978 im Original erschienenem Buch „Weisen der Welterzeugung“, und sie lautet schlagend: „Wann ist Kunst?“ Goodmans Antwort darauf ist die Duchampische, die kontextuelle, die institutionelle, die von einer Wesentlichkeit ab- und zu den Umständen hinsieht, unter denen sich ein Phänomen darbietet. Womöglich wäre dies auch eine triftige Antwort auf Bausingers „Wann ist deutsch?“ und Sachs' „Typisch deutsch?“ Die Antwort würde dann lauten: Mit dem Deutschen lässt sich hantieren, wenn man das Nationale gerade deshalb für gerechtfertigt hält, weil es prekär ist, überaus prekär im Angesichts dessen, was in dessen Namen angerichtet wurde. Die Betonung des Deutschen ist damit eine Benotung. Ob dabei dann ein Fragezeichen hilft?

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