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Lou Reed 1942 – 2013

„You can't beat two guitars, bass and drums“: Es war eine Art Motto, das Lou Reed auf die Rückseite seines 1989er Albums „New York“ schrieb, eine Comeback-LP, wie er gern eine machte, eine Hommage an die Citiest of the Cities, die seine eigene, bei allem Monströsen stets durchscheinende Urbanität auf den Weg brachte. Das Standard-Equipment des Pop ist in der Tat nicht zu schlagen, und Reed, der gern so etwas wie den Cantor doctus gab, wusste genau, wem die Anspielung galt. „Gruppen sind out. Besonders Vier-Instrumente-Gruppen mit Gitarren sind am Ende“: Mit dieser Bemerkung war Dick Rowe längst legendär geworden, der Produzent der Plattenfirma Decca, der im Januar 1962 die Beatles ablehnte. Und am Ende des Jahrzehnts sollte er recht behalten. Die Stammbesetzung hatte sich zwischenzeitlich erledigt. Dreier-Gruppierungen hatten sich an ihre Stelle gesetzt, mit Jimi Hendrix und seiner Experience, mit Cream, der ersten Supergroup, oder auch mit Led Zeppelin, die zwar aus vier Personen bestand, aber einen Sänger ohne Instrument zum Frontman hatte, änderte sich das Repertoire. Die Rhythmusgitarre war ausgefallen und damit der zentrale Bestandteil der Strukturierung. Die Leadgitarre übernahm das Kommando und überfuhr das Terrain mit ausgedehnten, potentiell unendlichen Demonstrationen von Virtuosität und starkem Selbstbewusstsein. Was bis dato als Solo-Einlage in der Fasson einer eher fixen Vorstellung von Lied geblieben war, dehnte und streckte sich. Es wucherte. Proliferation ist das leider allzu offene Betriebsgeheimnis der Hippies. Lou Reeds allerbleibendstes Verdienst ist, dass er diesen Love, Peace & Harmony-Kram, der die Sechziger und Siebziger verhehrte und aus ihnen die Dekaden universalen Schnorrertums machte, verachtete. Mit Velvet Underground legte er die menschlichen Facetten hinter der Family of Men bloß, auch wenn sie nicht unbedingt dem unschlagbaren flotten Vierer der Standard-Pop-Gruppierung entsprachen. John Cales Viola, Mo Tuckers schräge Percussions und Nicos sinistres Kölsch trugen das Jeweilige dazu bei, aus der New Yorker Combo jene anachronistische Mixtur von Beat Generation von 1958 und New Wave von 1978 zu machen, die zu 1968 wunderbar nicht passte. Reeds Texte sowieso: Zusammen mit dem anderen großen Nicht-Hippie, Ray Davies, verhalf er einer Generation zur bitter benötigten Alternative. Man vergleiche diesbezüglich Velvet Undergrounds „All Tomorrow's Parties“ mit „Death of A Clown“ von den Kinks bzw. von Dave Davies, Rays Bruder. Der Kunstbetrieb rechnet Lou Reed hoch an, dass er wusste, wie man Warhol zu einer Banane bringt. Dann hat er in späten Jahren auch noch Laurie Anderson geheiratet, und die ist einschlägig als, wie sagt man, Ikone. Er hat auch David Bowie, der sein 1972er Album „Transformer“ produzierte, dazu gebracht, auf Glam umzurüsten, so dass die gleichnamige Ausstellung, die gerade im Lentos in Linz Station macht, nachdem sie von der Tate Liverpool kam und schon in der Frankfurter Schirn war, ein Thema hat. Dann hat er auch noch selber Fotos gemacht, die in den letzten Monaten wo auch immer zu sehen waren. Alles geschenkt. Lou Reed hat in der Anhaltendheit dessen, dass es ihn gab, dem Pop ein Prinzip verbürgt, das allzu oft vergessen zu werden drohte: Stil. Bei aller Misanthropie, Droge, Misserfolg hat er darauf beharrt: Stil. Am gestrigen Sonntag ist Lou Reed verstorben. 71 Jahre waren für ein Leben wie das seine womöglich nicht zu wenig.

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