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Istanbul

Als ich 1998 zum ersten Mal nach Istanbul kam, konnte man glauben, das dringlichste unter all den exuberanten Problemen der Weltstadt am Bosporus sei der Aufeinanderprall von Tradition und Modernität. Alt, das war die Altstadt, Konstantinopel, Eminönu, das Viertel mit den Kopftüchern, den Männern, die herum standen, und den Kindern, die herum liefen. Neu, das war jung, das war die andere Seite des Goldenen Horns, Beyoglu, mit dem Taksim-Platz als Zentrum, mit den Business-Frauen und den polyglott ausgehenden Studenten. Wieder einmal schienen sich die Welt und ihre Kompliziertheit in einen griffigen Gegensatz aufzulösen, ganz wie man es kannte aus dem heimeligen Europa. In eben diesem Jahr stellte Jeff Wall zum ersten Mal eines seiner Transparencies aus, das in Istanbul spielt. Mit vollem Titel heißt die Arbeit „A Villager from Aricaköyű arriving in Mahmutbey-Istanbul“, und sie zeigte einmal mehr, was Wall für ein guter Künstler ist. Mit dem bei ihm üblichen, sehr forcierten Aufwand stellte er sein Equipment in die Peripherie, um eine Situation festzuhalten oder besser: sie in der Inszenierung zur Kenntlichkeit zu bringen, die den urbanen Status Quo Istanbuls in aller Dringlichkeit beleuchtet. Die Reisetasche in der Hand, biegt ein junger Mann in eine öde Straße ein, offensichtlich ist er gerade angekommen, und er will nicht mehr als ein neues, anderes, besseres Leben beginnen, ein Leben, das aus dem Hintergrund grüßt in Gestalt einer ausufernden, bis zum Horizont reichenden Neubausiedlung samt, als gelte es, die Herkunft nicht ganz zu vergessen, der Verheißungs-, Trost- und Erlösungsformel einer Moschee. Jeff Wall, A Villager from Aricaköyű arriving in Mahmutbey-Istanbul, September 1997, Großdia in Leuchtkasten, 227 x 289 cm, Ed. 2 Vergangenen Freitag hat das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ Istanbul zum Thema gemacht, indem man vor Ort exemplarisch scheinende Vertreter des vor allem kulturellen Lebens zum Essen und Trinken einlud. Mit Wien oder Berlin hat man das die letzten Jahre auch schon veranstaltet, von den Teilnehmern wird erwaret, sich zu unterhalten, zu streiten und eine Diskussion auf den Tisch zu bringen, deren Mitschrift den Abdruck lohnt. Natürlich standen diesmal die Ereignisse rund um Gezi-Park und Taksim-Platz im Mittelpunkt, sieben Vertreter der Bobo-Kultur Beyoglus dürften sich dabei auf eine einzige Parteigängerin von Recep Tayyip Erdogan stürzen, die zaghaft unterstützt wurde von einem „Ex-Berater“ des Premierministers. Dass bei dem bunten Abend herauskam, was der zukunftssatte Mitteleuropäer erwaret, kann man sich denken. Das Hauptproblem Istanbuls und beileibe nicht nur Istanbuls, kam in zwei ganzen Sätzen zur Sprache: „In den fünfziger Jahren hat in der Türkei die Landflucht eingesetzt. Damals wohnten in der Stadt eine Million Menschen, heute sind es 16 oder 17 Millionen“. Die vielleicht beste Zusammenfassung der urbanen Probleme der Gegenwart, heißt „Arrival City“, die 2011 erschienene Studie von Doug Saunders, und die Ankunftsstadt scheint heute die städtische Agglomeration schlechthin. Saunders widmet ein instruktives Kapitel der „Gecekondu“, der türkischen Variante, in deren Begriff sich das Wort für „nachts“ und für „niedergelassen“ verbinden. Aus dem Wildwuchs in der Wüstenei heraus wurde sie in den Achtzigern unter dem Premier Turgut Özal legalisiert und wuchert seither zwischen den Kontinenten. Erdogan, so zeigt Saunders, ist einer der wenigen Poitiker weltweit, die aus der Arrival City kommen und von hier ihr Potential beziehen. 1994 war Erdogan zum Bürgermeister gewählt worden: „Die etablierte Bevölkerung Istanbuls hatte keinerlei Einfluss auf den Wahlausgang mehr“, schreibt Saunders, „sie war regelrecht überschwemmt worden.“ Die Wähler aus den Arrival Cities kümmern sich nicht um Tradition oder Moderne, um alte Werte oder aktuelle Trends. Sie verfolgen ihren Pursuit of Happiness, und wie sie sich durchs Leben lavieren, so laviert auch die Politik. Es gibt ein Drittes zu den wohlfeil arrangierten Alternativen. Jeff Wall hat dieses Dritte und seine Ungreifbarkeit in einer perfekten Personifikation konzentriert.

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