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Wolfgang Herrndorf

Wie am gestrigen Dienstag bekannt wurde, hat Wolfgang Herrndorf nun der Tod, dem er seit langem schon ins Auge blickte, ereilt. Und doch hat Herrndorf dem alten Begleiter des Menschen auch ein Schnippchen geschlagen. Er kam ihm zuvor, durch Suizid. Dem Berliner Autor ist zu Lebzeiten widerfahren, was meistens posthum passiert. Mit „Tschick“, seinem 2010 publizierten Zweitling, ist er in den Kanon der Schullektüren eingegangen - eine Karriere, die unsereiner durchaus für prekär hält, aber bei denjenigen, die es angeht, die besten Wirkungen haben kann. Im folgenden, anstelle eines Nachrufs, ein Text von Constanze, meiner Tochter, 15 Jahre alt, eine Würdigung aus berufenerem Mund als womöglich meiner es wäre. Als uns unser Deutschlehrer in der 9. Klasse Gymnasium anfangs mitteilte, was im Laufe des Jahres gelesen wird, tauchte irgendwo zwischen „Wilhelm Tell“ und „Der Richter und sein Henker“ „Tschick“ auf. Schiller und Dürrenmatt sagte uns was. Wolfgang Herrndorf nicht. „Tschick“ sei ein Jugendroman. Hörte sich schon mal gut an. Es wäre alles sehr lebhaft und in einer uns Jugendlichen gut bekannten Sprache erzählt. Auch das gefiel uns. Zwei Jungen seien die Hauptfiguren. Passt, also fingen wir an zu lesen: Einer der beiden Jungen ist der Loser Maik, der keine Freunde, eine Alkoholikerin als Mutter und einen Vater, der mit seine Sekretärin durchbrennt, hat. In der Schule lernt er eines Tages Tschick kennen, den Neuen in der Klasse, für den sich niemand interessiert. Tschick will sich mit Maik anfreunden, doch der zeigt anfangs kein Interesse, da Tschick ein „Assi“ ist. Irgendwann in den Sommerferien, in denen Maik alleine zu Hause in Berlin bleibt, da die Mutter sich in einer als Beautyfarm getarnten Entzugsklinik aufhält und der Vater mit der Sekretärin verreist, kommt Tschick mit einem geklauten alten Lada an und möchte mit Maik in die Walachei zu Verwandten fahren. Besser, als allein daheim rumsitzten, denkt Maik. Also fahren sie los, zwei 14-Jährige im geklauten Lada durch Ostdeutschland in die Walachei... Bald werden sie von der Polizei gesucht, es gibt ein Mädchen als Mitfahrerin und Problem, und sie treffen auf eine Menge interessanter Personen, die alle ihre eigene Story zu erzählen haben, was auch etwas wirklich Schönes an dem Roman ist, da er so neben der derben Jugendsprache und dem Witz auch traurige und tiefgründige Stellen hat. Am Ende unserer Lektüre fassten wir den Entschluss, dass „Tschick“ ein richtiger Roadmovie wäre, mit zwei jugendlichen Helden, die sich zusammen auf den Weg ins Unbekannte machen. Die Geschichte ist Wolfgang Herrndorf wirklich gut gelungen. „Tschick“ war eine wunderbare Abwechslung zu sonstigen eingestaubten Schullektüren und jeder Schüler kann nur hoffen, dass Herrndorf auch weiterhin neben Goethe und Schiller besteht.

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