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20. Juli

Wieder einmal ist gedacht worden: des sogenannten Widerstands, den es auch gegeben hat in den beispiellosen zwölf Jahren, die mit dem besten endeten, was Deutschland passieren konnte: der bedingungslosesten Niederlage in der Geschichte. Des Widerstands ist gedacht worden, der sich an einem Datum festmacht, dem 20. Juli 1944. Hannah Arendt lässt in ihrer grandiosen Abrechung mit dem Charakter der Deutschen (und Österreicher), den sie beispielhaft in Adolf Eichmann und seinem Verhalten vor dem Jerusalemer Tribunal verkörpert sieht, an Widerstand gegen die Nazis nur die Schöngeister der „weißen Rose“ um die Geschwister Scholl gelten. Die „Männer des 20. Juli“ hingegen stehen für sie für das Maß, „wie groß der Abgrund war, der auch dieses 'andere' Deutschland vom Rest der Welt trennte.“ Noch deutlicher wird Saul Friedländer, dessen kolossaler Zweibänder über „Nazi Germany And The Jews“, 2006 abgeschlossen, auch die Kreise um das ominöse Attentat ins Visier nimmt. Bei allem moralischen Tun hatten die Männer des 20. Juli eine durchgehende Eigenschaft, es war die grundlegende der Deutschen: „An Goerdelers Antisemitismus änderte sich bis zu seinem Lebensende nichts“, schreibt Friedländer. Dieses Leben endete im Februar 1945 in Berlin-Plötzensee. Dort wurde Carl Goerdeler, der Mentor der sogenannten „Verschwörer“, mit seinen Kombattanten hingerichtet. In Plötzensee fand am vergangenen Samstag auch die zentrale Gedenkveranstaltung statt. Karl Heinz Bohrer, Literaturwissenschaftler, lange Jahre Herausgeber des „Merkur“ und Paradevertreter einer längst nicht mehr linken Intellektualität, hielt die Ansprache. Auch er gibt sich skrupulös. „Wir wissen: Sie waren mehrheitlich keine Demokraten“, steigt Bohrer in seine Gedanken ein; man müsse „zu Rande kommen mit der Einsicht, dass der Entschluss und ihm folgend der Versuch, mit Hitler und seinem Regime Schluss zu machen, gerade aus dem Kreis der Verschwörer kam, deren Denken am wenigsten der Nachkriegsmentalität Westdeutschlands und Europas entsprach.“ Alles ist nachzulesen unter: www.stiftung-20-juli-1944.de In späten Jahren ist Bohrer in das Denken und auch das Dasein der Adelsfamilien, die den 20. Juli bestimmten, hineingewachsen. In seinen Erinnerungen an Kindheit und Jugend, treffend „Granatsplitter“ betitelt, lässt er die Jahre an einem Internat für diejenigen, die sich in der Nachkriegszeit gegen alle historische Wahrheit als Elite verstanden, Revue passieren. Im Birklehof im Schwarzwald unterrichtete damals Charlotte von der Schulenburg, die Witwe eines der in Plötzensee Ermorderten. Sie und ihr verstorbener Mann hatten fünf Töchter. Eine von ihnen hat Bohrer vor einigen Jahren, nachdem er den Tod von Undine Gruenther, der Gefährtin seines Lebens, verwinden konnte, geheiratet. Die Familien hießen, in der Aufzählung Bohrers, „Yorck, Schwerin, Kleist, Moltke, Schulenburg, Tresckow, Lehndorff, von dem Bussche, Haeften, Gersdorff“ - allesamt „preußische Namen“, wie der Redner hinzufügt. An dieser Stelle ist nun an einen Autor zu erinnern, dessen Vater ebenfalls im Widerstand war, von Seiten der Sozialdemokraten allerdings, und er, Gustav Dahrendorf, überlebte das Regime. Sein Sohn Ralf Dahrendorf hat 1961 in einem aufsehenerregenden Text, „Demokratie und Sozialstruktur in Deutschland“, auf den Punkt gebracht, was das Land den Männern des 20. Juli zu verdanken hat. Durch Sippenhaft und pure Rachsucht haben die Nazis im letzten ihnen verbleibenden Jahr das preussische Junkertum aus dem Weg geschafft. Dadurch war der erwachenden Demokratie in Deutschland eine bedeutende Clique an Gegnern erspart.

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