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RAF

Am 6. Juli 1912 hält der Karlsruher Fußballspieler Julius Hirsch zusammen mit der deutschen Equipe Einzug in das Olympiastadion von Stockholm. Vier Monate vorher hatte er beim Länderspiel gegen den nachmaligen Erzgegner Niederlande vier Tore geschossen, die Partie endete 5:5, und Hirsch war der erste, dem ein Quadrupelpack gelungen war. Nun also Olympische Spiele, die die Deutschen durchwachsen absolvierten, immerhin gab es beim 16:0 gegen Russland bisher nie wieder gesehene zehn Tore durch Gottfried Fuchs, ebenfalls aus Karlsruhe. Mit Hirsch marschierten unter anderem der Schütze Heinrich Hoffmann, später der Hoffotograf eines gewissen Adolf Hitler, und der Sprinter Emil Ketterer in die Arena. Ketterer ist 1923 beim Marsch auf die Feldherrnhalle dabei, bringt es in der SS-Hierarchie zum Obergruppenführer und arbeitet mit am Euthanasie-Programm. Sein Schwiegersohn wird 1939 der SS-Untersturmführer Hanns Martin Schleyer, der es zu Berühmtheit bringt, weil er fast vier Jahrzehnte später in seiner Eigenschaft als Präsident des Arbeitgeberverbands BDA Opfer einer Entführung wird. Julius Hirsch wird auch ein Opfer. Weil er jüdischer Herkunft ist, wird er 1943 in Auschwitz ermordet. Wenn sie im Haus der Geschichte Baden-Württemberg momentan eine vieldiskutierte Ausstellung zur RAF in die Perspektive eines „Terrors im Südwesten“ rücken, handeln sie zunächst einmal satzungsgemäß. Das Institut ist der regionalen Geschichte verpflichtet, und vieles, was die Handlungen und Misshandlungen der Roten Armee Fraktion angeht, passierte hier, und zwar aus ganz aktuellen Gründen. Karlsruhe war und ist der Sitz der bedeutendsten Justiz-Organe der Republik, hier agierte der Generalbundesanwalt, der sich geradewegs als Zielscheibe anbot. Die Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim galt seinerzeit als das modernste aller Gefängnisse, und nach den markanten Diskussionen über die Unterbringung der sich als politisch verstehenden Inhaftierten glaubte man, man hier nichts falsch zu machen. Die toten Körper von Ensslin, Baader und Raspe wurden im Oktober 1977 auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof bestattet, Oberbürgermeister Manfred Rommel, der Sohn des Generalfeldmarschalls, sprach hier die berühmten, der Bundesrepublik ein Stück Staatssemantik hinzufügenden Worte: „Irgendwo muß jede Feindschaft enden. Und für mich endet sie in diesem Fall beim Tod“. Dass sich das, was die Ausstellung Terror nennt, im Südwesten konzentrierte, ist also schlicht der Geografie geschuldet. Fahndungsplakat: Anarchistische Gewalttäter, Mai 1972; Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg Christian Klar, ein RAF-Kombattant der späteren 70er, hatte am Gymnasium zu Lörrach mächtig gegen den Schulleiter aufbegehrt, der sein eigener Vater war; es ging um Vietnam und um die Verbreitung einer Schülerzeitung mit der in eben dem Jahr 1968 sehr eingängigen Schlagzeile „Das Rot der frühen Jahre“: War es der übliche Generationenkonflikt? Und als es zu den Prozessen gegen die RAF kam, warf sich Helmut Ensslin, Pastor in Tuttlingen, zur Verteidigung der Tochter in eine Philippika gegen die repressive Toleranz einer nur allzu saturierten Gesellschaft. Ensslin war kein Pietist, sondern Anhänger der Theologie Karl Barths. Aber traf Herbert Wehner nicht doch einen Punkt, als er seinen Parteifreund Erhard Eppler, der aus Ulm kam, mit dem wunderbaren Attribut „Pietcong“ bedachte? Die Ausstellung wirft solche Fragen nicht auf. Sie belässt es bei der Dokumentation von Dingen, die bei aller Wichtigkeit für die deutsche Historie einen Bezug aufs Örtliche haben. Dass die Anfänge der RAF in Geschichten wie jener von Julius Hirsch liegen, muss nicht immer erzählt werden. Wahr sind sie dennoch. Überregional. www.raf-ausstellung.de

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