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Matthias Herrmann: Selbstportrait als Januskopf

Der Blick könnte auf dem ausgerollten Film haften bleiben wie eine Fliege auf einer dieser altmodischen Klebefallen. Ein Vanitas-Stillleben nachgerade, eine Meditation über die Vergänglichkeit eines von nicht allzu langer Zeit noch ganz gebräuchlichen Mediums. Auch das ist eine Form von Selbstreflexion. Nach all den Jahren der sexuell aufgeladenen Arbeiten, zwei Jahrzehnte waren es wohl und den acht Jahren als Professor für „Kunst und Fotografie“, hat sich Matthias Hermann seine Gedanken gemacht über Wiedererkennbarkeit, über die Gelungenheit von Einzellbildern, hat sich wieder interessiert für den fotografischen Prozess als solchen. Er hat die oftmals mit Zitaten versehenen Selbstinszenierungen hinter sich gelassen, ist auf Reisen gegangen und man konnte nicht schlecht staunen, als die Ergebnisse dieses Richtungswechsels letzten Herbst in der Wiener Galerie Steinek präsentiert wurden (das artmagazine berichtete). Allesamt menschenleer sind sie, diese Reisebilder, stets leicht melancholisch und sehr genau formuliert und man fragt sich bei diesen fotografischen Festhalten eines Gedankenfluss, warum der Künstler im Katalog vom Wunsch berichtet, einmal ein Manifest schreiben zu wollen, wo er doch mit seinen Aufnahmen eine ganz klare Sprache findet. Diese neuen, auf unterwegs entstandenen Aufnahmen wären, so gibt Herrmann zu, für ihn persönlich mit einer weitaus größeren Privatheit aufgeladen, als jene, die sehr offensiv mit Körperlichkeit operieren. Nun wurde Matthias Herrmann in Salzburg der „Otto Breicha-Preis für Fotokunst 2013“ zugesprochen, Anlass genug, einmal das gesamte Œuvre des 1963 in München geborenen Künstlers Revue passieren zu lassen. Von den neuesten Arbeiten, jenen „Still Lifes“, in denen Herrmann sein tägliches Arbeitsmaterial, wie Filmhülsen, Linsen, Fotopapierschachteln und sonstige Hilfsmittel arrangiert, geht es gegen die Chronologie zu den persönlichen Reflexionen zu alltäglichen Szenerien, zur Kunst, deren Medialisierung oder deren Präsentation in einem räumlichen Kontext, und weiter zurück zu den „Secession_Pieces“, diesen Gesten der Aneignung, in denen Herrmann seinen Körper in die Rauminstallationen von Kollegen schreibt und damit eine dialogische Situation herbeiruft. Ab diesen Abschnitt der Ausstellung trifft man dann ganz retrospektiv auf immer wieder gern gesehenes Altbekanntes. Doch wird spätestens bei der Fülle der „Text_Pieces“, der der „Hotel“-Serie oder der "Junior Line“ verständlich, dass sich der Künstler irgendwann von der Wiedererkennbarkeit seiner Arbeit lösen musste. Bis man ganz am Ende des Rundgangs in einer Vitrine zwei ganz frühe Silbergelatine-Abzüge aus dem Jahre 1988 entdeckt, als Herrmann vom Ballettensemble der Wiener Staatsoper als Student an die Hochschule für angewandte Kunst wechselte. Der Kunst-Eleve im (Halb)-Profil, gespiegelt, sodass sich in beiden Fällen ein Januskopf ergibt. Und irgendwie stehen diese beiden Frühwerke dann auch für die Option eines Richtungswechsel. All die Orte der Reisebilder, auch die so exakt in Szene gesetzte analoge Technik des Fotografierens, all die Motive der neueren Arbeiten von Matthias Herrmann haben womöglich bessere Zeiten gesehen. Dennoch stimmen sie einfach für diese sehr präzisen Dokumente einer Lebenswelt. In diesem Sinne: der Lack ist ab, es lebe die Brillanz!
Matthias Herrmann
16.06 - 22.09.2013

Museum der Moderne Salzburg Rupertinum
5010 Salzburg, Wiener Philharmonikergasse 9
Tel: +43 662 84 22 20.451, Fax: +43 662 84 22 20.750
Email: info@museumdermoderne.at
http://www.museumdermoderne.at/
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Mi 10-20h


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