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Schlüssel

Gerade ist der zweite und abschließende Band einer speziellen Enzyklopädie erschienen, die den schönen Titel „Werklexikon der deutschsprachigen Schlüsselliteratur 1900 – 2010“ trägt. Romane sind darin aufgelistet, bei denen es einen Thrill bereitet, Figuren innerhalb der Handlung mit solchen von außerhalb, also mit real Existierenden, in Beziehung zu setzen. Robert Musils Arnheim aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ wäre eine solche Figur, die spezielle Mischung aus Industriellem und Intellektuellem, Weltmann und Lebemann, hingebungsvollem Verehrer und, was Musils von Antisemitismus ohnedies nicht ganz freier Darstellung ihre Schlagseite gibt, Juden. Dass Walter Rathenau, der 1922 ermordete Außenminister und Sohn des AEG-Patriarchen, dafür Pate stand, ist allseits bekannt. Mein liebster Schlüsselroman, der seine ganze Qualität aus dem Spiel einer Chiffrierung, die unverzüglich in Dechiffrierung mündet, bezieht, ist Klaus Manns „Mephisto“. „Alle Personen dieses Buches stellen Typen dar, nicht Porträts“, schreibt Mann in der Nachbemerkung zu seinem 1936 im bedeutendsten Verlag für deutschsprachige Exilliteratur, Querido in Amsterdam, erschienenen Werk. Damit ist die Fährte ins gerade Gegenteil wunderbar gelegt. Gustav Gründgens, der Mephisto schlechthin bis in die Sechziger, war ja einige Jahre mit Erika Mann verheiratet, und seine notorische Lebensroute vom Revolutionär zum Opportunisten zum Reaktionär wird nonchalant nachgezeichnet. Alle, die da auftauchen, haben ein Dasein im Diesseits. Besonders gelungen vielleicht Benjamin Pelz alias Gottfried Benn, seinerseits ein Linker, der zum Rechten wurde, der intensive Lyriker, mit dem Mann 1933 in einem kurzen aber expliziten Briefwechsel gestanden hatte, der davon handelte, dass die Bewunderer des Dichters nunmehr samt und sonders „in kleinen Hotels in Paris, Zürich und Prag“ lebten und damit jenseits des neuen, des neuarischen Schranzentums, in dem sich ein paar Altavantgardisten ergingen und das für exzentrisch hielten. „Verbrannt hat man, meines Wissens, bis jetzt nur Bücher“, lässt der Autor seinen Pelz sagen, „aber unser Führer wird uns schon noch anderes liefern, ich verlasse mich fest auf ihn“. Und auf den Führer war bekanntlich Verlass. „Doppelleben“ heißt Benns autobiografischer Bericht, in dem er sich 1950, als alles vorbei war, seine Apologie zurecht legt. Manns Brief wird ausführlich zitiert, „niemand wird ihn ohne Rührung lesen“, wie der Adressat gönnerhaft kommentiert. Gründgens dagegen hat sich auf deutlichere Weise an seinem offenherzigen Verschlüsseler gerächt und seinerseits ein Schlüsselstück inszeniert. „Friedemann Bach“, sein 1941 gedrehtes filmisches Porträt des ältesten Kindes von Johann Sebastian Bach, erzählt die Geschichte eines talentierten Sohnes, der am Vermächtnis eines genialen Vaters zerbricht. Mann wird es vernommen haben. Vor einigen Monaten ist Robert Schindels Zweitling „Der Kalte“ erschienen, ebenfalls ein Schlüsselroman, deutlich bis zur Penetranz, unoriginell bis zum Überdruss, ein Werk, das einfach nacherzählt, was sich an Umständen und Umständlichkeiten ergab, als 1986 Kurt Waldheim österreichischer Präsident wurde. Die Figuren heißen anders, aber sie agieren stramm nach dem Vorbild der Heroen und Herzchen Wiener Provenienz, die allesamt auftreten. Da werden, anders als in den Schmähmoiren des Günter Brus nicht einmal jene Wortspiele mit den Namen gemacht, die in diesem Genre und nur in diesem ausdrücklich erlaubt sind: Der Wiener Bürgermeister Zilk etwa, der bei Brus Tschik genannt wird, heißt bei Schindel, warum auch immer, Purr. Einzig die Hauptfigur der 650 allzu langen Seiten ist erfunden, „der Kalte“ alias Edmund Fraul. Besser gesagt, sie ist zusammengesetzt, aus den Charakteren von Schindels Erstling „Gebürtig“. Für die Feiertage: Lesen Sie diesen.

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