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Inkompetenzkompensationskompetenz

Das Patente und Evidente hat man immer schon geschätzt an der Kunst. Früher zum Beispiel, anno `87, da wurden die SkulpturProjektMünster berühmt durch ihre Kirschensäule. Das war ein speziell auf Fake getrimmtes Relikt einer Pseudo-Antike. Eine Säule eben, mit Basis, Schaft, Kapitell und einem besonderen Augenkitzel obendrauf, einem knallig kussfrischen Kirschenpaar, als sei es soeben einer Mon Chéri-Praline entschlüpft. Das poppige Ensemble stand mitten auf einem Parkplatz, einem dieser urbanen Reststücke, für die man niemand so recht zur Verantwortung ziehen kann, weil alle Verantwortungsträger genau für jene Bauten, Flächen, Mobilien und Immobilien zuständig sind, bei deren liebevoller Betreuung das Reststück dann übrigbleibt. Der Mensch, flexibel wie er ist, nutzt derlei gern zum Deponieren seines PKWs. Und er bittet einen Künstler, dieses Arrangement des Zufalls doch mit einer Art ästhetischer Sättigungsbeilage zu versehen. In Münster stammte der Garnierungsvorschlag von Thomas Schütte. Man schätzt derlei auch jetzt an der Kunst. Mehr noch: Wie so vieles, was man in den Achtzigern schon nicht mochte - Neo-Liberalismus, Modern Talking, kleine Koalition -, feiert es fröhliche Urständ. Ja, noch mehr noch: Es hat sich sogar radikalisiert. Problemlagen und Fehlstellen, Untiefen und Ungereimtheiten, architektonische Dummheiten und organisatorische Mängel: Die Task Force ist zur Stelle. Da muss nicht gleich etwas Arges herauskommen. Nehmen wir nur ein gelungenes Beispiel, nehmen wir das Mumok und Heimo Zobernig, der ihm die Möglichkeit zu einer Ausstellungsetage verschaffte. Die Esterelle, die sich nun durch den Höllenschacht des Lichthofes zieht, dieser buchstäblichste aller White Cubes, der zugleich dem Besucher eine Brücke baut, ist ein Meisterstück, die Quadratur schlechthin des Quaders. Wenn ein Künstler eingreift, dann hat der Architekt nicht gleich soviel dagegen. Wenn ein Künstler eingreift, dann bekommt der Auftraggeber, was er will, ohne sich groß dafür rechtfertigen zu müssen. Wenn ein Künstler eingreift, dann wird mit Aufmerksamkeit belegt, was funktionalerweise eine schlichte Selbstverständlichkeit ist. Wenn ein Künstler eingreift, dann ist es Kunst. Es sieht so aus, als läge darin eine besondere Raison d`Etre momentan. Es hat ein wenig mit Design zu tun, bemüht eine Ahnung von Ornament und entspricht über die Maßen der allgegenwärtigen, in den diversen Sphären der Gesellschaft so beliebten Brachialität. Dort ein Problem, hier eine Lösung. Odo Marquard fand einst einen unaussprechlich guten Begriff für dieses Vermögen, das man heutzutage so gern der Kunst zuspricht: \"Inkompetenzkompensationskompetenz\". Man kann es auch mit der Operette sagen: \"Ich lade gern mir Künstler ein\".

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