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art KARLSRUHE: Sammeln als Breitensport

Da konnte selbst Ottmar Hörl, der sonst die Welt mit seinem auflagenstarken Kunststoffgetier überschwemmt, nur staunend zusehen: 520 „Made in China“ XL-Winkekatzen wackeln stereotyp mit den Tatzen, hie und da ertastet das Auge aus der gleichförmig bewegten Armee an Glücksbringern in den geordneten Abweichungen Botschaften und Muster. Boris Petrovsky, 2010 für seine interaktive Arbeit „You & Me-isms“ bei der ars elektronica ausgezeichnet, präsentiert auf der art Karlsruhe „The Global Pursuit of Happiness or: the Army of Luck“, und die Messe hat ihre Attraktion, so etwas gefällt den Leuten. Primär ginge es ja -insbesondere auf der art Karlsruhe- nicht um Kapitalanlage, sondern um Leidenschaft, vermeldet der Messekurator Ewald Karl Schrade in seinem Vorwort zum Katalog, um gleich danach das diesjährige Motto der Veranstaltung „Sehen und Sammeln“ auszurufen. Muss denn jeder, der sich zu seiner privaten Freude und zur Zier seiner vier Wände Kunst kauft, denn gleich ein Sammler sein? Die art Karlsruhe, die jetzt zum neunten Mal stattfindet, hätte eine besonders angenehme Atmosphäre, hört man von Jahr zu Jahr, von Kunstgenuss, Messeerlebnis und Wohlfühlfaktor ist die Rede, auch davon, dass die Galerien höchst zufrieden sind mit ihren Verkäufen; ob des Angebotes rasend begeisterte ernsthafte Sammler sind indes eher keine anzutreffen. Aber irgendwie scheint es dennoch alljährlich zu klappen, denn zumindest im Bereich der klassischen Modernen ist man auch diesmal wieder bestens auf- und ausgestellt. Der Kunsthandel Fischer (Berlin) überzeugt mit einer wunderbaren Auswahl an neuer Sachlichkeit, ebenso Henze & Ketterer, die mit einer Landschaft von Ernst Ludwig Kirchner für 3 Millionen Euro wohl im obersten Preissegment der Messe auszumachen sind. Dass die Messe sich irgendwie für die Aussteller rentieren dürfte, zeigt sich spätestens in der Doppelpräsenz von Michael Werner, der mit seiner Galerie Ölgemälde wie Zeichnungen von Otto Dix und Francis Picabia mit Arbeiten von James Lee Byars, Per Kirkeby und den üblichen Verdächtigen Lüpertz, Penck und Immendorff kombiniert. Eine Halle weiter zeigt sich der Kunsthandel Werner ganz gewohnt mit einer nahezu klassischen Zusammenstellung von Baselitz, Polke, Immendorff und Nay. Freilich lässt sich auch bei den Zeitgenossen das eine oder andere in der schieren Masse, die vier Hallen füllt, entdecken. Van der Koelen (Mainz) überzeugt mit einer schlicht tadellosen Zusammenstellung ihres Programms, das mit Daniel Buren, Lore Bert, Heinz Gappmayr, Francois Morellet, Fabrizio Plessi und anderen stimmig funktioniert, und auch der Karlsruher Karlheinz Meyer zeigt mit Günther Förg, Jonathan Meese, Thomas Zipp und Angela Ulrich eine qualitätsbewusste Mischung. Sieht man bei Kampl (München) mit einem 6-teiligen Selbstportrait (4.800) von 1975, in dem sich einzelne Körperteile Peter Weibels in einer Messerklinge spiegeln, durchaus Altbewährtes, so erstaunen bei Pages (Baden-Baden) mit „Parasitäre Wandgemälde“ neue, große, bunte Wandreliefs des Polyartisten (je 36.000). Bei Friese (Stuttgart), immerhin brilliert Tatjana Doll mit ihren großformatigen Piktogrammen und einigen Papierarbeiten aus der Serie „Girls (Used To) wait“ und beweist damit, dass erfrischend Relevantes mitnichten teuer sein muss (1.200). Bei den Sonderausstellungen gibt dieses Jahr die Karlsruher Majolika, die über Jahre nun dahingeschwächelt war, ein hoffnungsvoll-kräftiges Lebenszeichen. Marli Hoppe-Ritter, ihresgleichen Teil der Schokoladendynastie, zeigt einen Querschnitt ihrer sonst im eigenen Museum in Waldenbuch präsentierten Sammlung zum Thema Quadrat, und als Coup präsentiert man Teile von Gunter Sachs' Pop-Art-Sammlung, die dem Vernehmen nach ja demnächst in London versteigert werden soll. „Durch das belebende und belehrende Paris“, ließ sich der letzten Mai verstorbene Sammler vernehmen, habe er gelernt, „Sammlungen von Sammelsurien zu unterscheiden“. Das lässt sich durchaus als Anleitung verstehen.
art KARLSRUHE
08 - 11.03.2012

Messe Karlsruhe
76287 Rheinstetten/Karlsruhe, Messeallee 1
http://www.art-karlsruhe.de
Öffnungszeiten: 11-19 Uhr, Freitag 11-20 Uhr


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