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ATLAS. How to Carry the World on One’s Back?: Eine gewisse chinesische Enzyklopädie

Früher haben die Künstler die Welt verändern wollen. Es kömmt aber darauf an, sie zu ordnen. Dieser Verkehrung der Dinge vom Fuß auf den Kopf könnte man verfallen, geht man durch die wie immer exuberant ausgestattete, vielfältig Gedanke aufwerfende neue Ausstellung des Karlsruher ZKM. Georges Didi-Huberman hat sie ausgebreitet, so etwas wie die Personalunion aller französischen Diskurse, wie sie an die auch nicht mehr ganz so verschlafene Kunstgeschichte angebrandet sind. Ein Mensch der akademischen Disziplin wildert im Betrieb. Und er lässt es gehörig lichten. Wie die französichen Meisterdenker ihre Unverständlichkeit bei den Deutschen - Hegel, Heidegger - gelernt haben, so hat Didi-Huberman seine Ordentlichkeit von einem solchen. Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas liefert, nicht unbedingt brandoriginell, das Vor-Bild, jene Ansammlung von Motiven, Gesten, Details und Sujets, wie sie sich in den Bildern quer durch die Epochen niedergeschlagen haben und in den 20ern dann albumhaft auf großen Blättern zueinander collagieren ließen. Ein Memorialzyklus ist so entstanden, und der Kurator fragt nun, ob derlei kalenderblattartige Praxis insgesamt als Strategie taugt. Ein Parcours liegt aus, der sich ein wenig unausgesprochen an der orthodoxen Conceptual Art orientiert. Die Zusammenstellungen von Bernd und Hilla Becher, von Gordon Matta-Clark oder Marcel Broodthaers lassen die Observanz der Systematik aufkommen. Vorgänger werden erkannt, bei August Sanders Sachlichkeit, Brassais Raummagie oder Max Ernsts grillenhafter Universalität. Viel Serielles ist im Spiel, Sol Lewitt darf entsprechend nicht fehlen. Lewitt, das ist der, dem Rosalind Krauss in einem der treffendsten und untergriffigsten Texte der Kunstkritik eine spezielle Pathologie diagnostiziert hat, einen Ordnungsfimmel, der in Wahn umschlage. Immer alles zeigen zu müssen und nichts hinzudenken zu können, sei nicht stringent, sondern verquer. Vielleicht hätte die Ausstellung Mrs Krauss’ auch schon vierzig Jahre alte Überlegungen deutlicher einbauen sollen. Die Schau lässt es sich nämlich nicht nehmen zu verbreiten, es entstünde wirklich so etwas wie Ordnung, wenn man die Dinge nur zueinander ins Raster stemmt. Vor zwei Jahren hat Umberto Eco im Louvre eine Veranstaltungsreihe inszeniert, die von ähnlichen Voraussetzungen ausging wie jetzt das ZKM. „Die unendliche Liste“ war sie betitelt, und sie hatte die Abweichung mit im Programm. Gewährsfigur und heimlicher Ratgeber war nämlich „eine gewisse chinesische Enzyklopädie“, die Jorge Luis Borges fand und Michel Foucault populär machte. Die „Einteilung der Tiere“ sei hiermit, damit das mit der Ordnung sich nicht zu sehr in den Hirnen festsetzt, nachgereicht: „a) dem Kaiser gehörige, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in diese Einteilung aufgenommene, i) die sich wie toll gebärden, j) unzählbare, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.“
ATLAS. How to Carry the World on One’s Back?
07.05 - 07.08.2011

ZKM - Zentrum für Kunst und Medientechnologie
76135 Karlsruhe, Lorenzstraße 19
Tel: +49-721-8100-0
Email: info@zkm.de
http://www.zkm.de
Öffnungszeiten: Mi - Fr, 10-18 Uhr | Sa - So, 11-18 Uhr


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