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In eigener Sache

In einer meiner Lieblingsgeschichten von und mit Künstlern spielt unser alter Freund John Ruskin eine zentrale Rolle. Ruskin also, der Kritiker, hatte sich angesichts der „Nocturne in Schwarz und Gold“ von James Abbott McNeill Whistler aus dem Jahr 1877 zu ziemlich unflätigen Bemerkungen über Machart und vor allem Preis hinreissen lassen, der 200 Guineen betrug. Im Jahr darauf traf man sich wieder vor Gericht, Whistler hatte Ruskin wegen Beleidigung angezeigt, und er forderte nun 1.000 Pfund Schmerzensgeld. Während der Verhandlung entspann sich jener berühmt gewordene Dialog mit Sir John Holker, dem Verteidiger Ruskins, in dem Whistler explizit machte, was sein Gang vor den Richter sowieso schon zum Ausdruck brachte: Dass es dabei um das Ganze seiner künstlerischen Existenz gehe. Hier die zentrale Passage der Aussprache, wie Whistler sie in seinem Buch „The Gentle Art of Making Enemies“ dokumentiert (die Übersetzung ist von mir): Holker: Nun, Mister Whistler. Können Sie mir sagen, wie lange hat es gedauert, bis Sie diese Nocturne hingehauen hatten? Whistler: Entschuldigung, ich verstehe nicht. (Gelächter) Holker: Oh, ich fürchte, ich verwende einen Ausdruck, der wohl eher zu meiner eigenen Arbeit passt. Ich wollte sagen, wie lange hat es gedauert, dieses Bild zu malen? Whistler: Aber nein, erlauben Sie, ich bin allzu sehr geschmeichelt zu glauben, Sie würden, in Hinblick auf eine Arbeit von mir, irgendeinen Begriff anwenden, den Sie gewöhnlicherweise in Bezugnahme auf Ihre eigene in Verwendung haben. Lassen Sie uns also sagen, wie lange hat es gedauert, diese Nocturne - hinzuhauen, ich denke, das ist es - hinzuhauen; nun, soweit ich mich erinnere, einen Tag. Holker: Nur einen Tag? Whistler: Nun, ich will mich nicht zu positiv hinstellen; es kann sein, dass ich am nächsten Tag noch einige Züge hinzufügte, als das Gemälde noch nicht trocken war. Ich sollte also sagen, es hat zwei Tage gedauert. Holker: Oh, zwei Tage. Es ist also die Arbeit von zwei Tagen, für die Sie 200 Guineen verlangen? Whistler: Nein, die verlange ich für das Wissen eines ganzen Lebens. (Applaus) I ask it for the knowledge of a lifetime: Damit war alles gesagt. Sir John hat das offenbar auch verstanden, denn er wechselt unmittelbar nach Whistlers Antwort das Thema. Diese eine Frage war das Zentrum seiner Bemühungen als Verteidiger gewesen, und Whistlers Replik saß. Der Künstler hat den Prozess in der Tat gewonnen. Doch statt der anvisierten 1.000 Pfund war das Schmerzensgeld am Ende eine Lächerlichkeit: ein Farthing, ein Viertelpenny. Immerhin hat er der Nachwelt eine Sentenz hinterlassen, von der sie bis heute zehrt. Warum erzähl ich das? Weil ich bei aller Knowledge of a Lifetime nicht jeden dritten Tag, mindestens, hier einen Text abliefern kann. Der Herausgeber und ich hatten ein Jahr ausgemacht, das ist nun vorbei, und es sind 125 Beiträge geworden. Von nun an gibt es unregelmäßiger etwas von mir zu lesen, weiterhin an dieser Stelle, aber eben seltener. Was womöglich der Qualität zugute kommt. Und vor allem der Ökonomie, auch jener, dass die Texte schwerer wiegen, wenn sie deutlicher einen Anlass haben, warum sie entstehen. Der Titel bleibt erhalten, die prominente Stelle rechts oben auf der Startseite des Artmagazine, dort, wo bei Briefen die Marke sitzt, wird den Kollegen – und Freunden – Martin Fritz und Vitus Weh überlassen. Bis bald. Und vielen Dank für das Interesse. James McNeill Whistler, Nocturne in Schwarz und Gold: Die fallende Rakete

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
125 Tage differenziertes Lesen für alle
Leon G. | 01.10.2010 10:31 | antworten
Sehr geehrter Herr Dr. Metzger, es gibt bestimmt viele LeserInnen, die das "Journal des Luxus und der Moden" sehr schätzen. Ihre 125 Beiträge im Laufe eines Jahres sind eine herausragende Performance an Information, Reflexion und Vermittlung. Vielen Dank!

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