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Dr. Weibel

Die allgemeine Redakteursperson, und das ist der Grund, weshalb ich einer diesbezüglichen Karriere schnell aus dem Weg gegangen bin, die allgemeine Redakteursperson, wie sie in den Feuilletons der Tages- und Wochenpresse sitzt, hat so ihre Ressentiments. Fast immer hat besagte Person Bekanntschaft mit einem geistes- oder kulturwissenschaftlichen Studium geschlossen, und bisweilen hat sie es irgendwann abgebrochen. Manchmal hat sie es auch fertiggestellt und einen Doktortitel daraus gezogen, von dem sie allerdings jetzt nicht weiß, wofür er gut ist. Oder sie sitzt in einer unentschiedenen Situation, und die Dissertation wartet etwa noch auf den letzten Schliff. Wie auch immer, die Grundlage eines solchen Studiums, die Begeisterung, und sein Ergebnis, das Wissen, sind ihr gleicherweise suspekt, und also geht sie sorgsam zynisch mit dem ihr anvertrauten Ressort um. Dafür kann sie nun beispielsweise enthüllen. Sie kann, wie es das „Profil“ in dieser Woche auf das Meisterlichste vorführt, enthüllen, dass Peter Weibel eine Dissertation, die er nicht abgegeben hat, nicht geschrieben hat. Einen Ghostwriter immerhin hat es gegeben für das nicht eingereichte Werk, und der wurde jetzt ausfindig gemacht und zum Tanz gebeten. Wichtigtuerei unter sich, und alle, die aus Österreich das machen, was es nun einmal ist in der Gegenwart, namentlich meine speziellen Freunde von der Posterei des „Standard“, haben es immer schon gewusst. Der Weibel ist ein Angeber, ein Nichtskönner, ein Betrüger, hab ich was vergessen?


Peter Weibel, Polizei lügt, Wien, 1971 (aus der Reihe "Korrekturen"), S/W Dokumentationsfotografie einer Aktion

Meine Lieblingsnarretei in Österreichs Feuilleton ist der folgende Satz, er war zu Zeiten von Schwarz-Blau auf den Kulturstaatssekretär Franz Morak gemünzt: „Hier pendelt sich Österreichs amtlich gefördertes Kunstverständnis auf dem beliebigsten Nenner ein, einem Nenner, der niemandem wehtut, am allerwenigsten denen, die sich mit ihm schmücken.“ Ein Nenner, auf den man sich einpendelt, der nicht wehtut und mit dem man sich schmückt: So verhunzt kann eine Formulierung und damit auch der Gedanke, den eine solche Formulierung mit sich führt, überhaupt nicht sein, dass er nicht tragen könnte im hiesigen Kulturverständnis. Der Satz stand übrigens in „Profil“. Man kann sich über Weibels, sagen wir, wissenschaftliches Gebaren ja echauffieren. Zum Beispiel darüber, dass er seit Menschengedenken immer mindestens zwei, wenn nicht drei Professuren gleichzeitig inne hat. Dazu einen Direktorsjob, den Kurator gibt er auch noch, und in einer Gegenwart des Prekariats, das einem jede Menge Zeit zum Markieren des eigenen Reviers gibt, lässt es sich herrlich über den Vielbeschäftigten raunzen und schimpfen und die Sau herauslassen. Posten gegen Weibels Posten. Doch es hilft nichts. Weibel ist Doktor. Ehrendoktor. Zuerkannt 2007 in Helsinki. Rechtmäßig.

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