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Attersee

Als im Spätsommer 1997 die „Seitenblicke“ ihr zehnjähriges Bestehen feierten, wurde eine Liste derer publiziert, die am öftesten zur telegenen Wortspende gebeten wurden. Die Liste führte der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk an, der langjährige Bundeskanzler Franz Vranitzky war Fünfter, doch nach Society-Afficionados wie Niki Lauda oder Theatermenschen wie Otto Schenk und Fritz Muliar war an 25. Stelle „Ch. L. Attersee“ gereiht. In einem Land, dessen Feuilletons sich neben dem Ressortleiter die längste Zeit einen zweiten Redakteur für alle Belange der Bühne geleistet hatten, während für Malerei und Bildhauerei meistens ein freier Mitarbeiter verantwortlich zeichnete, ist Attersees Präsenz im Massenmedium Fernsehen doch erstaunlich. Diese Präsenz kommt ihm als bildendem Künstler zu, und es macht sich bemerkbar, dass er der erste war, der in Österreich den Elfenbeinturm der Autonomie verlassen hat. Christian Ludwig Attersee, Foto © OeNB „Über seine Kunst und Lehre streitet die Fachwelt. Seinen gesellschaftlichen und kommerziellen Erfolg kann das nicht trüben“: Das stand, als ein Beispiel unter vielen, im „Profil“ zu lesen, anlässlich von Attersees Ausstellung im Wiener Kunstforum Bank Austria vor fünf Jahren. Längst war Attersees Reputation in einem Mechanismus befangen, zu dessen Installierung er einst kräftig beigetragen hatte. Attersee ist die zentrale Figur einer gerade in Österreich sehr prägenden und in den letzten Jahrzehnten exuberant gewordenen Entwicklung, Kultur im Tunnelblick auf ihren Spektakeleffekt wahrzunehmen und Aussage auf Gossip zu reduzieren. Attersee hat als einzige Pop-Größe, die der Kunstbetrieb dieses Landes hervorbrachte, so etwas wie den Katalysator dafür hergegeben und nolens volens die damit verbundenen Erwartungen bedient; in dieser Wahrnehmung ist verlorengegangen, dass diese öffentliche, publizitäre und immer auch statusbejahende Dimension seines Auftretens von vornherein und ganz genuin mit seiner Kunst verbunden war. Seit ihrem Beginn in den frühen Sechzigern hat Attersees Kunst die Strategien der Affirmation und der Ironie gegenüber solchen der Auflehnung und Provokation bevorzugt. Einst war das neu, aufregend, subversiv. Irgendwann kannten es alle, sie waren damit aufgewachsen und fanden die Instanzen ihrer eigenen Sozialisation plötzlich banal. So ist Attersee dann dem Erfolg, den er damit hatte, auf seine Weise zum Opfer gefallen, und er steht im Raum als der omnipräsente Wort- und Sachspender, der nur noch den Boulevard bedient. Dass mit dieser Rolle eine Ästhetik verbunden ist, die die Künstlerperson Attersee insgesamt auszeichnet, war völlg in den Hintergrund geraten. Nicht in den Hintergrund wird geraten, dass ein Jubiläum ansteht. Attersee wird siebzig. Und wir gratulieren. Wer es noch nicht weiß: Ich habe zusammen mit Daniela Gregori ein Buch über Attersee geschrieben, eine Biografie, die das oben Beschriebene in den Mittelpunkt stellt; damit ist es auch eine Biografie des österreichischen Kunst- und Kulturbetriebs, wie wir ihn alle so lieben. Am 2. September wird das Opus im Mumok vorgestellt.

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