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Ein Druckfehler

Als letzte Woche der Dow Jones eine seltsame Kapriole schlug, hatte das mit der Nervosität der Finanzwelt zu tun. Klar, doch gab es auch, wie sich jetzt herausgestellt hat, eine ganz banale Ursache. Irgendjemand hat an der Wall Street, als er Aktien losschlagen wollte, statt einem Verkaufspreis von 16 Millionen Dollar deren 16 Milliarden eingegeben. Es war ein Tippfehler, und mit einem Haar wäre wieder einmal die Welt aus ihrer Drehbewegung gekippt. Da fällt mir doch die Geschichte mit dem Druckfehler dazu ein, vorgeführt in meinem eigenen Metier. Ein Paradebeispiel dafür, wie die Kunstgeschichte an der zeitgenössischen Kunst einst, um das Mindeste zu sagen, herumschnöselte. Erwin Panofsky, der Papst der Ikonologie, legte sich also mit Barnett Newman an, dem Praktiker bildnerischer Erhabenheit und Akademiker mit allen Insignien eines Pictor Doctus. Voraus ging ein Druckfehler. Er war in einer Kunstzeitschrift aufzufinden, im New Yorker „ArtNews“ des Jahres 1961. Panofsky wurde seiner sowieso nur gewahr, weil eben dieses Heft eine Rezension eines seiner Bücher, „Renaissance and Renaissances“, auf Deutsch dann „Die Renaissancen der europäischen Kunst“ betitelt, beinhaltete. Barnett Newman, Vir Heroicus Sublimis, 1950/51, © VBK, Wien 2010 Nach der Lektüre dessen, was er gesucht hatte, war der Meisterdenker offenbar ein wenig im Blatt am Blättern, um auf einen Text, betitelt „The Abstract Sublime,“ zu stoßen, an dem er Anstoß nehmen konnte (der Text war von Robert Rosenblum, nachmalig durch seine eigene Halsstarrigkeit für die Gründung von „October“ mitentscheidend, doch diese Geschichte erzähle ich ein andermal). Unter den Abbildungen zum abstrakt Sublimen befand sich jedenfalls ein Gemälde von Newman, „Vir Heroicus Sublimis“, das der Redakteur oder der Setzer zu einem „Vir Heroicus Sublimus“ umgemodelt hatten. Panofskys Häme machte sich sogleich auf den Weg. Per Leserbrief wurde die ganze humanistische Beflissenheit ausgepackt, dem Künstler Newman und selbstverständlich gleich den Künstlern insgesamt Ungebildetheit attestiert und das letzte Wort in allen Angelegenheiten des Prinzips Text für sich, die Autorität, reklamiert. Newman indes konterte, indem er weniger den Druckfehler ansprach als die gewissen Fälle, wo im Lateinischen statt Sublimis eben Sublimus Verwendung fand. Der Konter spielte sich also auf Panofkys eigenem Terrain ab. Der wiederum schoss abermals zurück mit weiteren Beispielen der Verwendung von Sublimus statt Sublimis, worauf Newmann mit einer bibliografischen Angabe erwiderte, die sich als diejenige Quelle lesen lassen musste, von der Panofsky die Beispiele, die er gerade vielfältig auffuhr, bezogen hatte. Der Chefikonologe, so zeigte sich, hatte sein enzyklopädisches Wissen aus Enzyklopädien, und wie sollte es auch anders sein. Allein, der Vorrat an abrufbarer Bildung war so furchterregend, dass keiner die Banalität einer solchen Provenienz zu denken wagte. Newman wagte es immerhin, doch was herauskam bei dem Scharmützel war beflissenstes Aneinandervorbeireden. Hätte sich eine Chance aufgetan, zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln – sie war vergeben im Nebenschauplatz der Bildungshuberei. Heute stehen sich Kunstgeschichte und Kunstproduktion näher. Womöglich liegt das daran, dass man auf beiden Seiten keine Bildung mehr hat.

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