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Aus dem Ausland

Das Beste an der Süddeutschen Zeitung sind die Auslandskorrespondenten. Dass es, mit der Ausnahme von Gustav Seibt, nicht die Herren des Feuilletons sind, wird man sich schon gedacht haben. Nein, es sind Wolfgang Koydl, der aus Großbritannien, Stefan Ulrich, der aus Frankreich, oder auch Michael Frank, der aus Österreich berichtet, die das Münchner Blatt meiner Meinung nach vor allem auszeichnen. Koydl hat letztes Jahr darüberhinaus „Fish and Fritz“ publiziert, ein Buch voller Erlebnisse „als Deutscher auf der Insel“. Die Geschichte, wie im Pissoir des Oberhauses Waschbecken installiert wurden, dargestellt aus der Perspektive einer Aristokratin, der Koydl den unvergleichlichen Namen Felicity Smythe-Stockington verpasst hat, ist grandios. Sie wird aus Gründen des guten Geschmacks hier indes nicht erzählt (nachzulesen im Buch auf Seite 217f). Stefan Ulrich ist Koydl in Sachen Erlebnisbericht um ein Jahr vorausgegangen. „Quattro Stagioni“ ist er überschrieben, sein Buch schildert den Einzug in Rom, den Dottor Uuulrik mit seiner Familie absolvierte. Man kann sich ausmalen, wie das funktioniert hat, speziell der Erwerb eines „permesso di soggiorno“ (Aufenthaltserlaubnis, siehe Seite 104ff) hat als sich unmöglich erwiesen, und seit Ulrich, selbstredend illegalerweise, beschlossen hatte, ohne einen solchen auszukommen, lebte es sich zusehends angenehmer. Vor einigen Monaten hat der Foreign Correspondent seinen Wirkungsort gewechselt. Er lebt fortan in der Peripherie der französischen Hauptstadt. Darüber hat er an diesem Wochenende nun in seiner Zeitung einige Zeilen verfasst: „Auf Recherche in Paris“. Im Grunde, schreibt Ulrich, sollte man meinen, dass sich nicht soviel geändert habe. Beide großen Völker kochen gern und gut, beim Einzug ins Reihenhaus platzte gleich der Boiler, die Verhandlungen mit France Telecom bezüglich eines Internetanschlusses „gestalteten sich delikat, während die Nachbarn uns reizend aufnahmen und sofort zum Essen einluden. Kurzum: Wir fühlten uns wie in Rom“. Beide Nationen haben zudem „eine Schwäche für kleine Imperatoren mit überschießendem Ego – auch wenn sie derzeit von grandiosen Staatsmännern wie Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy regiert werden.“ Dann aber drängten sich doch die Unterschiede in den Vordergrund: Die Ansagerinnen beim Wetterbericht zum Beispiel, oder die Zeitungen: Während man bei der Lektüre etwa der „Repubblica“ den Eindruck gewinne, „gleich gehe die Welt, zumindest aber die Regierung unter“, habe man bei „Le monde“ das Gefühl, „eigentlich gäbe es aus Frankreich gar nichts zu berichten.“ Auch als Korrespondent wird man verschieden behandelt. In Rom öffneten sich Tür und Tor, in Paris dagegen werde offenbar hauptsächlich blockiert. So erzählt Ulrich die Geschichte mit dem „Architekten J.N.“, und deswegen schreibe ich jetzt auch darüber. J.N. und seine Vorzimmerdame zeigten sich sehr hartleibig, nach einem Anruf wurde Ulrich beschieden, er solle ein Email schicken, das dann unbeantwortet blieb, selbst eine Intervention im Außenministerium fruchtete nichts, und Ulrich ist anscheinend jetzt ein wenig narzisstisch angeschlagen. Jean Nouvel, Visualisierung Donaukanal Wien, © AJN Ateliers Jean Nouvel - Paris Ich schreibe das, weil ich einst Jean Nouvel in Wien zum Interview getroffen habe. Ich habe es in Erinnerung als das angenehmste aller Treffen mit der internationalen kulturellen Prominenz, die sich damals ergaben. Nouvel, der so mephistophelisch aussieht und so faustisch zu Werke geht, war très charmant, sehr präzis und nicht die Spur prätentiös. War Nouvel vor fünfzehn Jahren noch nicht so überspannt? Lag es daran, dass er in der Fremde befragt wurde? Lag es am Standard, für den ich damals geschrieben habe? Oder gar an mir? Jedenfalls möchte ich hiermit den Ruf Nouvels ein wenig zurechtrücken. Und allen die Auslandskorrespondenten der Süddeutschen ans Herz legen.

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