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Realkünstler

„Nun ist Maria Lassnig 35“, schreibt die Süddeutsche Zeitung in einem Bericht über Menschen, die in Deutschland am Tropf der hierzulande üblichen Sozialhilfe hängen, „lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren drei Töchtern in der Nähe von München und bezieht seit zwei Jahren Hartz IV.“ Zehn Zeilen weiter oben hatte Maria noch Michaela geheissen, und auch das war nur ein ausgedachter Name: „Ihren wirklichen Namen möchte sie ebensowenig in der Zeitung sehen wir ihr Foto.“ Dem Berichterstatter war dann jedenfalls in die Michaela Lassnig eine Maria Lassnig geschlüpft. Offenbar kam ihm eine gewisse Kenntnis des Kulturbetriebs in die Quere. Vor einigen Jahren hatte der 1. FC Kaiserslautern einen österreichischen Torwart, der hieß Jürgen Macho. Tatsächlich geschah es, dass der Fußballreporter im Fernsehen, als er auf den Keeper zu sprechen kam, einem Thomas Macho verfiel, der zwar auch Österreicher ist, aber doch etwas anderes hält als Bälle, Vorträge zum Beispiel oder Thesen hoch. Die gewisse Kenntnis des Kulturbetriebs, die sich auch hier geltend machte, war angesichts des Kulturwissenschaftlers fast noch raunender als bei der Malerin. Nun ist Maria Lassnig gerade 90 geworden, und sie wird sich über die Verwechslung, die als Angleichung funktioniert, womöglich amüsieren. Was als Anonymisierung gedacht war, endete in der Synonymisierung. Und es ist auch bemerkenswert, wie sich hier der Pop-Mechanismus umkehrt und nicht das Low ins High hinüberdriftet, sondern sich die Hochkultur in einer Sphäre geltend macht, die ans Kulturelle überhaupt nicht dachte. Das ist etwas anderes als bei den üblichen Verdrehungen im eigenen Genre (man erinnere sich an den legendären Richard Sierra der „Presse“ und an den unsterblichen Gustav Schiele des „Standard“). Kunstforum International, Bd. 91 Vor zwanzig Jahren gab es einen Kunstforum-Band, der das Phänomen auf den Begriff „Realkunst“ brachte. Realkunst ist, wenn man etwas mit ästhetischer Absicht in Verbindung bringt, was einfach da ist, wenn man Bretter als Arbeit von Carl Andre sieht, eine Markise als Kunst im öffentlichen Raum von Daniel Buren oder stickige Nebelschwaden als eine Installation von Teresa Margolles. Instanz solcher Aufwertung ist natürlich der Betrachter, er stellt her, was Victor Burgin schon Ende der Sechziger „Situational Aesthetics“ nannte. Wie es aussieht, kommt nach der Realkunst nun der Realkünstler. Schon die „glücklichen Arbeitslosen“ in Berlin, die vor einigen Jahren mit der Unterstützung auch gleich Aufmerksamkeit bezogen, hatten sich auf den Pariser Situationismus berufen. Situationismus, Situational Aestehtics: Wie man die Dinge und die Personen ansieht, so blicken sie zurück. Derlei nette Gedanken werden der Frau mit Hartz IV indes nicht helfen. Wieder einmal gilt: Vita longa, ars brevis.

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