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Besuch bei Walter Pichler

Mein Neujahrsgeschenk war eine Fahrt ins südliche Burgenland. An Jennersdorf vorbei, St. Martin an der Raab links liegen lassen, die Hügel hoch, und dann das Atelier von Walter Pichler. Es ist keine Einsiedelei, Nachbarhäuser gibt es genügend, das Areal ist offener als ich dachte, und auch der Meister selbst ist alles andere als ein Eremit. Man kennt seine häufigen Aufenthalte im Café Engländer, wenn er in Wien ist. Öfter aber ist er, seit er 1972 das Anwesen kaufte, im Dreiländereck von Österreich – Ungarn – Slowenien. Auch hier gibt es Stammlokale, und die Zigaretten und die Achterl sind ohnedies seine unermüdlichen Begleiter. Hier stehen sie, seine Häuser. Das Wohnhaus und die Werkstatt ergeben sich aus dem typischen Grundriss in Winkelhakenform der burgendländischen Bauernkaten, einstöckig und auf Lehm gebaut. Dazwischen ein Hof, jetzt, im Winter leergeräumt, wenn es warm ist, stehen hier seine Vogelstelen und es fließt Wasser, das auf komplizierter Konstruktion gesammelt und per Rinne durch die Werkstatt geleitet wird, das im Atrium eine Runde dreht und das Areal wieder verlässt, um neue Bewegungen zu vollführen, abermals streng geregelt und ideenreich choreografiert vom Künstler. Walter Pichler, Wie ein Gebäude (Schnitt), 2007, Bleistift Tusche Tempera auf Papier, 27,30 x 56 cm, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck Dann die Häuser für die Skulpturen, im Karree angeordnet um das Wohnhaus herum, das „Haus für den Rumpf und die Schädeldecken“, das „Haus für den Wagen“, das „Haus für das große Kreuz“, die Keimzelle des Unternehmens. Pichler hat hier ein Kruzifix nichts anderes als exorziert, das er vor Ort gefunden hatte, er hat es in Gaze eingewickelt, in einen Schrein gesteckt, der nur auf die einschlägig diffzile Weise zu öffnen ist, hat es verdoppelt und ergänzt mit weiteren Gebilden in Kreuzform, und er hat bei allem Abarbeiten am Zentrum des christlichen Glaubens oder Aberglaubens wiederum eine Hommage geschaffen, eine Rahmung in der Rahmung für die Rahmung des Kultbildes. Pichler ist kein Mythomane. Seine Inszenierungen wollen bei aller Entrücktheit – „irgendwie wird es bei mir dann doch immer feierlich“, sagt er dazu – einen Rahmen schaffen, in dem die Dinge, die Kunst sind, ihre Angestammtheit finden. Die alten Ägypter und Brancusi stehen dabei Pate. Pichler sucht die ideale Skulptur und den idealen Ort für sie, das ideale Material, den idealen Lichteinfall, die idealen Abstände und selbstverständlich und vor allem die ideale Form. Berühmt sind seine Weigerungen, das Geschaffene aus der Hand zu geben, seine Beharrlichkeiten und der pure Aufwand an menschlichen Ressourcen, seinen Ressourcen an Lebenszeit und Körperkraft, um alles ins Werk zu setzen. Das laufende Projekt ist eine Art Brunnen. Zwei kreisrunde Steintröge uralter Provenienz werden durch Rinnen verbunden, eine Architektur, die ihre Konturen aufnimmt, fasst sie. Alles wiederum Ergebnis beharrlichen Engagements, im Atelier steht das obligatorische Modell dazu, Maßstab 1 : 10. Im Sommer, wenn das Wasser läuft, möchte der Künstler es fertig sehen. Wieder ein Stück Welt, dem er seinen ästhetischen Willen aufzwingt. Natürlich hat das etwas Eigenbrötlerisches. Doch Pichler besitzt sichtliche Weltläufigkeit, seine Sprache ist elaboriert, und er lässt nicht davon ab, genau zu wissen, was er macht. Höchsten Wert legt er darauf, sich niemals angebiedert zu haben. Opportunismus ist sein schlimmster Feind. Und noch etwas kann man lernen von ihm: das wichtigste Kriterium von Kunst, das Nonplusultra. Es lautet: Gute Arbeit.

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