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Kunst und Unschuld

Die Januar-Ausgabe 2010 der Zeitschrift „Merkur“, trotz allem Akademisch-Tun das interessanteste Feuilleton deutscher Sprache, ist bereits erschienen. ,In seiner Ästhetik-Kolumne, sie erscheint alle halbe Jahre, hat Wolfgang Ullrich dabei auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das er „die unschuldige Hand“ nennt. So wie man einst, mit John Ruskin als Vordenker, von der „Unschuld des Auges“ ausging, so sind Künstler heutzutage peinlich darauf bedacht, nur keine Handwerklichkeit, keine Eigenhändigkeit, kein Handanlegen aufkommen zu lassen. Man delegiert nicht nur gerne an Spezialisten – Ullrich nennt das Londoner Mike Smith Studio, zu denken wäre genauso an die Werkstatt Kollerschlag -, sondern nimmt deren Spezialistentum zur Voraussetzung dafür, universale Handlungsmöglichkeiten zu besitzen. Wäre man auf die eigenen Kompetenzen angewiesen, wäre das Spektrum der Möglichkeiten viel enger. Dominique Gonzales-Foerster wird als Beispiel genannt, Mona Hatoum, und mit Murakami und Jeff Koons das Traumduo schlechthin für exuberante Präsenz. Nun ist es vielleicht aber doch nicht so, dass das Verfahren derart neu wäre. Gerade ist in der Frankfurter Schirn einer zu bewundern, der als Pionier des Prinzips Delegieren gilt. „1922“, so erinnert sich Laszlo Moholy-Nagy, „bestellte ich per Telefon bei einer Schilderfabrik fünf Email-Bilder. Ich hatte die Farbtafel der Firma vor mir und skizzierte die Bilder auf Konstruktionspapier. Am andern Ende des Telefons hatte der Vorarbeiter dasselbe karierte Papier vor sich liegen. Er zeichnete die von mir diktierte Form anhand der korrekten Positionen ein. (Es war wie ein Schachspiel per Post.) Eins der Bilder wurde in drei verschiedenen Größen geliefert, damit ich die feinen, durch Vergrößerung und Verkleinerung bewirkten Veränderungen farblicher Bezüge studieren konnte.“ So präsentieren sich Moholy-Nagys „Telefonbilder“ als perfekt Fertiggemachtes, als buchstäbliches Ready-Made. LÁSZLÓ MOHOLY-NAGY, KOMPOSITION Q XX, 1923, Courtesy Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VBK, Wien 2009 In Lessings „Emilia Galotti“, uraufgeführt 1772, tritt der Maler Conti auf. In einer berühmten Stelle beklagt er sich über die Umwege, die er gehen muss in seiner Kunst: „Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wieviel geht da verloren!“ Man kann Contis Lamento als frühes impressionistisches Programm nehmen, als Anrufung einer Unmittelbarkeit, die sich automatisch ergibt, aus dem ungefilterten Passierenlassen des Eindrucks durch den Körper in das Bild. Doch es ist auch so etwas wie Conceptual Art, was hier skizziert wird. Es ist eine Hymne auf die Kunst, die ohne Material auskommt. Entsprechend wirft Conti die Frage auf, „ob Raffael nicht das größte malerischen Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden?“ Die unschuldige Hand ist radikalisiert zur nicht vorhandenen. Meine Lieblingsmaler in der Kunstgeschichte waren eine Gruppe von Schülern und Assistenten im Atelier Jacques-Louis Davids um 1800. Sie nannten sich „Barbus“, die Bärtigen, wahlweise auch „Penseurs“ oder „Méditateurs“, Denker oder Meditierer, und genau das entspricht ihrer Tätigkeit. Sie brachten nichts hervor außer Überlegungen, Gedanken über die Kunst, die es in orthodoxester Reinheit zu bewahren galt, so dass jede Realisierung eine Befleckung gewesen wäre. Schlechterdings ist nichts von ihnen überkommen, außer einer durchaus sympathisierenden Beschreibung des David-Biografen Délécluze. Die Barbus waren die ersten Konzeptualisten. Die Unschuld von Auge oder Hand, hier schon wurde sie übergriffen von der Unschuld des Hirns. Man kann nur davon träumen, Koons oder Murakami würden auch so arbeiten.

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