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Wien, das Gedenken und die Revolution

Es ist ein schöner Service von der Online-Redaktion des „Standard“, dass sie jetzt für die nächsten Wochen die Titelseiten von vor zwanzig Jahren abrufbar haben. Tag für Tag und Schlagzeile für Schlagzeile kann man nachvollziehen, wie und was das damals war, als sich die Nachkriegsordnung auflöste. Für unsereinen, so lässt sich das dann wohl verstehen, lief alles auf den 9. November zu, den Mauerfall. Ich selbst hatte mich, wie mir ein Blick in meinen Kalender enthüllt, an jenem Abend mit einem Freund getroffen. Am nächsten Tag gab es eine Eröffnung in der Galerie Six Friedrich in München, und offenbar war ich zum anschließenden Essen eingeladen. Darüberhinaus bereitete ich mich darauf vor, in der kommenden Woche die Kunstmesse in Köln zu besuchen. „Rien“ lautet der Tagebuch-Eintrag von Ludwig dem Sechzehnten unter dem Datum 14. Juli 1789. So ähnlich muss das bei mir am 9. November 200 Jahre später auch gewesen sein. Die großen Ereignisse. Der 9. November ist der Tag, da die Deutschen ihren Kaiser los wurden (die Österreicher haben dafür drei Tage länger gebraucht), da Hitler putschte und die Reichspogromnacht anzettelte. Der 9. November ist aber auch der Tag der russischen Oktoberrevolution, und schließlich hat die Weltkultur da ein ganz besonderes Datum: Am 9. November 1966 lernte John Lennon in der Londoner Indica-Galerie Yoko Ono kennen. Der 14. Juli und der 9. November. Die Franzosen pflegen ihre Revolutionen im Sommer abzuhalten, „c’était le soleil“, wie Heinrich Heine es anlässlich der Ereignisse von 1830 emphatisch rekapitulierte. Die Deutschen versuchen es im „traurigen Monat November“, um nochmals Heine zu zitieren, es ist neblig und kalt, und sechs Wochen später ist Weihnachten. Da wollen dann alle nach Hause zu ihrer Ruhe. So haben sie sich entsprechend entwickelt, die Deutschen und ihre Versuche, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen. Gut, dass ihnen einmal die Österreicher dazwischen funkten, Grenzzäune abbauten und schon vorab vollendete Tatsachen schufen. Am 9. November 1848 ist Robert Blum hingerichtet worden, der deutsche Revolutionär und Veteran der Nationalversammlung. Er ist in Wien hingerichtet worden. Zu dieser Stadt ist ihm übrigens folgendes eingefallen: „Wien ist prächtig, herrlich, die liebenswürdigste Stadt, die ich je gesehen; dabei revolutionär in Fleisch und Blut. Die Leute treiben die Revolution gemütlich, aber gründlich. Die Verteidigungsanstalten sind furchtbar, die Kampfbegier grenzenlos. Alles wetteifert an Aufopferung, Anstrengung und Heldenmut. Wenn Wien nicht siegt, so bleibt nach der Stimmung nur ein Schutt- und Leichenhaufen übrig, unter welchem ich mich mit freudigem Stolz begraben lassen würde.“ Das mit dem Begraben ist dann auch so gekommen.

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