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Vierzig Jahre

In der Kunsthalle Wien haben sie den Shop verändert. Vor nicht langer Zeit gab es da jede Menge Bücher, „Theorie“, wie sie das feuilletonistische Geplauder von Agamben bis Zizek nennen, Literatur oder die obligatorischen Vorlagen zum Nachkochen. Jetzt ist der Shop wieder ein Shop, es gibt Accessoires und Aufblasbares, Fetische für den Sinn fürs Schöne und an Büchern bestenfalls die Zahnarzttischware von Taschen. Das liegt daran, dass nun in Wien tatsächlich so etwas wie eine Buchhandlung existiert. Sie ist gegenüber der Kunsthalle positioniert. Dort, wo früher Prachner nahtlos in ein Kaffeehaus übergegangen war, residiert jetzt König. Walther König, der bedeutendste Buchhändler Deutschlands? (mindestens), Europas? (vielleicht), der Welt? (sagt einer seiner Mitarbeiter). Lange hat sich König bitten lassen, lange hat er sich, vor allem wegen der steuerbedingten Preisdifferenzen, gesträubt, jetzt ist er im Museumsquartier eingeflogen. Im Grunde, sagt er, müsste man drei Buchhandlungen gleichzeitig in einer Stadt haben, eine in einem wichtigen Museum, ein modernes Antiquariat sowie eine für die Spezialisten, die auch, sagen wir, in der Schleifmühlgasse liegen dürfte. Nun hat er immerhin eine, und das dafür in Wien. Genau vierzig Jahre ist es her, da er seine erste aufmachte. Am 28. März 1969 begann in der Kölner Breiten Straße etwas, das nicht wegzudenken ist aus dem intellektuellen Betrieb. Davor hatte König die Kunstbuchabteilung der Bücherstube am Dom geleitet und für sie auf der vierten documenta einen Stand installiert. 1972, als Szeemann alles von den Füßen auf den Kopf stellte, war König dann unter eigener Verantwortung dabei. Seine ureigene documenta-Teilnahme ist ein Schlüssel für Königs Geltung, der zweite der Kunstboom Kölns im Gefolge der Art Cologne und schließlich der dritte die Zusammenarbeit mit Bruder Kasper, die verwandtschaftliche Basis eines kleinen, in der Zwischenzeit auch immer opulenter operierenden Verlags (dem der Verfasser dieser Glosse seinerseits zwei Publikationen verdankt). Nicht weniger als dreißig Läden sind mittlerweile auf die Beine gestellt, und zwischen den honorigen Bücherstuben, bei denen die Leiterin ihren Grüntee noch eigenhändig auf den Klassikern verschüttet, und den Großkaufhäusern, wo sich die Titel auf jedem dritten der en gros aufgestellten und von bedrucktem Papier überquellenden Tische programmatisch wiederholen, dazwischen scheint es nur noch die „Buchhandlung Walther König“ zu geben. Ein Haus, wo man Theorie noch ohne Anführungszeichen bekommt. Wo man davon ausgehen kann, dass man der Fachkraft bei der Bestellung den Namen des Autors nicht vorbuchstabieren muss. Und wo man die Hoffnung hegen kann, dass das Gewünschte vorhanden ist. Nicht morgen, und nicht vielleicht in der anderen Filiale. Einfach vorhanden, und mit ziemlicher Sicherheit muss man es auch nicht von der Schutzfolie befreien, um es kurz zu sichten. Wir gratulieren hiermit herzlich. Und wünschen weitere vierzig Jahre und weitere vierzig Läden.

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