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Genaue Zahlen

Max Ludwig Nansen war ein anerkannter Expressionist. Eigentlich hieß er Emil Nolde, der eigentlich Emil Hansen hieß. Als Siegfried Lenz vor vierzig Jahren seine „Deutschstunde“ publizierte, kam ihm der Maler als Schlüsselfigur sehr zupass. Die Geschichte von einem Dorfpolizisten, der das Berufsverbot, mit dem die Nazis den Künstler überzogen, zu überwachen hatte, um seinen Eifer auf die Nachkriegszeit auszudehnen, war auch eine Meistererzählung zu erfolgter oder vor allem misslungener Aufarbeitung der Vergangenheit. Unter die vielen Episoden von Lenz’ Roman, der heute leider zur Schullektüre verkommen ist, zählt der Auftritt eines englischen Besatzungsoffiziers (in der dtv-Ausgabe auf den Seiten 455/6). Dieser General Tate ist Sammler, und wie sich herausstellt, besitzt er auch einige Nansens, Bilder, die der Maler verloren geglaubt hatte, die von den Nazi-Schergen indes in die Schweiz transferiert worden waren, wo Tate sie erworben hatte. „Es gäbe sogar ungefähre Zahlen über diese Verkäufe“, steht es im Buch, „vermutlich würden sich eines Tages genaue Zahlen nennen lassen.“ Heute sind wir diesbezüglich weiter. Die Zahlen werden genau genannt, unermüdlich und mit einem Eifer, der denjenigen des Dorfpolizisten schier in den Schatten stellt. Man könnte an Paul Klees „Sumpflegende“ denken, das den „Entartete Kunst“-Umtrieben zum Opfer gefallen war, den Weg seinerseits in die Schweiz fand, dann bei Lempertz in Köln versteigert wurde, erst bei Beyeler in Basel und dann bei Rosengart in Luzern landete und schließlich nach München kam, wo es jetzt die Bestände des Lenbachhauses verstärkt. Seit knapp 20 Jahren wird darüber gestritten, ob es restituiert werden soll. Bei Lenz im Jahre 68 wurde nicht gestritten. Also geht seine Erzählung nach dem oben zitierten Satz folgendermaßen weiter: „Gespräche. Man hebt etwas an und läßt es fallen. Fragen drängen sich heran und verlieren ihre Schärfe durch eine einzige Wendung.“ Man redet über etwas anderes, und der Romancier scheint froh zu sein, dass ihm eine ohnedies nicht sonderlich gelungene Wendung zugeflogen ist, um die Unterhaltung in eine andere Richtung zu biegen. Für die Problematik der Restituion hatte er, würde man sagen, kein Sensorium. 68, und das hat den Aufruhr nicht zuletzt vom Zaun gebrochen, war das letzte Jahr der Auschwitz-Prozesse. Fünf Jahre lang hatte man in Frankfurt versucht, dem Unerklärlichen näher zu kommen. 1961/62 hatte es Eichmann in Jerusalem gegeben. Insgesamt hatte man in Nazi-Angelegenheiten anderes zu tun als nach der historischen Gerechtigkeit Bildern und ihren zu einem bestimmten Moment gegebenen Besitzern gegenüber zu fragen. Heute sind wir diesbezüglich weiter. Die Nazi-Vergangenheit ist restlos aufgearbeitet. Berlusconi hat ohnedies nichts damit zu tun, und die Neuwahlen, die Österreich ins Haus stehen, folgen der Normalität einer gescheiterten Regierung. Das ist alles. Wir haben gründlich Zeit, uns um die Restitution zu kümmern.

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