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Nummer 46

Nun haben sie also ihre Nummer 46 wieder. Francesco Vezzoli hat sie gestaltet, der italienische Neo-Neo-Realist, der die Promis zum Defilee bittet, um sie zu filetieren, und die Wahl ist natürlich vortrefflich. Das freitägliche Magazin der Süddeutschen Zeitung ist ja so etwas wie ein 20 Cent teures Coffeetable Book, da kommt Vezzoli als Künstler und Connaisseur gerade recht. Mit einer seltsamen Pirandello-Adaption, die er im New Yorker Guggenheim in die Rotunde stellte und dabei Cate Blanchett, Natalie Portman und die in Würde gereifte Anita Ekberg in den Mittelpunkt rückte, greift Vezzoli eine Tradition wieder auf, die im Jahr 1990 begann: die jährliche Nummer 46 des SZ-Magazins an Hand und Hirn einer Künstlerperson zu vergeben. Anselm Kiefer hatte den Anfang gemacht, dann kamen Clemente, Koons, Polke und zum vorläufigen Ende 1999 Alex Katz. "So komplex und hysterisch" sei der Kunstmarkt damals geworden, sinnen sie jetzt im Editorial dem seinerzeitigen Stop des Projektes nach. Nicht, dass der Kunstmarkt heute überschaubarer wäre, aber die Redaktion sei "gewachsen" seither, und gewachsen ist der Wichtigtuerei der Medienszene gemäß auch der "Ehrgeiz". Bei Kiefer vor 17 Jahren war es selbstverständlich gewesen, die streng schwarzweiße Fotostrecke, die der Meister aus Deutschland zum Thema "Das goldene Vließ" entworfen hatte, von Werbung unbehelligt zu lassen. Bei Vezzoli heute muss man dafür zweimal hinsehen, ob die Botschaft nun direkt oder nur indirekt auf PR zielt. Was sich erhalten hat, ist das Prinzip Interview mit dem Künstler. Es wird diesmal geführt vom Kunstredakteur des Hauptblattes, der neulich darüber sinnieren ließ, wie es war, als sich in einer legendären Begegnung des Jahres 1971 James Lee Byars mit Hans Ulrich Obrist zusammenfand, Obrist, der, nimmt man den Artikel ernst, offenbar schon im zarten Alter von drei Jahren seine Berufung für den Kunstbetrieb erkannt hatte. Soweit zum redaktionellen Ehrgeiz. In der Nummer von 1990 gibt es neben Kiefer auch Peter Sloterdijk, und was sieht der schnuckelig aus in dem Heft mit seinem Passfoto und seinen Thesen zu "Die Nation hat ausgedient". Kunstkritik gab es noch, und von bezahlten Beilagen, die die Berichterstattung auf die Geldfährte locken, war überhaupt keine Rede. Im Jahre 1993 hatten sie gar einen Skandal, als Jenny Holzer für ihre Nummer 46 die Frauenfrage gestellt und zur bärenstarken Verdeutlichung einen Farbstoff entwickelt hatte, der aus Blut hergestellt war. "Da wo Frauen sterben bin ich hellwach" hieß das Menetekel aus Menschensaft, und bei solch tiefer Ausgeschlafenheit war auch das abgründig Bajuwarische dieser Formulierung quasi einkalkuliert. Die Nummer 46. Die erste Künstlerausgabe erschien am 16. November 1990. Nirgends steht heute geschrieben, warum es ausgerechnet an diesem Datum passierte. Doch es war kein Zufall, denn an diesem Tag gab es eine Eröffnung. Eine Eröffnung im Rahmen einer der erfolgreichsten Veranstaltungen der damaligen Zeit. Es eröffnete die Art Cologne. Heute ist sie mausetot. Abwarten, was aus der Nummer 46 wird.

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