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Endlich enttarnt

Die Briten sind das Volk der bestgehüteten Geheimnisse. Um so tunlicher sind ihnen auch die Enthüllungen, und nachdem man weiß, was die Schotten unterm Rock tragen und wie die Windsors wirklich ticken, ist nun wieder ein Top Secret gelüftet. Banksy ist gestellt, der weltbekannte Anonymus, der graffitymäßig unterwegs ist, um aus der Sachbeschädigung eines Beschädigungssache zu machen. Banksy ist fotografiert worden, wie er gerade Hand anlegte an die obligatorische Häuserwand in der obligatorischen Vorstadt. Unter dem triumphierenden Titel "Erwischt!" druckt die Süddeutsche Zeitung vom Wochenende sein Konterfei ab, und man kann sich vorstellen, dass Banksy und die Familie mit den zwei Kindern, die man ihm angesichts seiner gutsituierten Handwerklichkeit auf dem Foto leichten Herzens attestieren würde, aufatmen. Endlich enttarnt. Weniger aufatmen wird der Kunstbetrieb. Vor einem Jahr brachte die Londoner Serpentine Gallery eine Präsentation der Sammlung von Damien Hirst. Banksy war unter den Ausgestellten. Was er zur Vorführung brachte, war etwa ein Werk mit dem Titel "You Can`t Beat The Feeling", worauf Micky Maus und Ronald McDonald zu sehen waren, die ein Mädchen in ihre Mitte nahmen, das man als jenes schreiende, an Gesicht und Oberkörper verwundete Kind kennt, wie es in Vietnam einem Napalm-Sturm davonrennt. Kaum zu ertragen, so wahr war sie, Banksys Darstellung, und als der Meister nach der Versteigerung eines seiner Stücke bei Sotheby`s das Resultat engegennahm und es auf seiner Website mit einem "Ich kann nicht glauben, dass ihr Trottel diesen Scheiß wirklich kauft" kommentierte, dann war die Wahrheit dieser Aussage ungefähr die gleiche wie jene über das Engagement der Amerikaner in Südostasien. Banksys lauthalse Camouflage passt natürlich perfekt in eine Welt, in der Oberfläche und Untergrund längst eine Ebene bilden. Was beim ursprünglichen Graffiti der Justiz geschuldet war und etwa bei den Guerilla Girls dem Undercover, ist in der Zwischenzeit zur Promotion verkommen. Da ist nichts mehr politisch und alles performativ. Banksys Theatralisierung von Anonymität weiß um die Marktgängigkeit ungewöhnlicher Formen von Distribution, und zwischen Tino Sehgal und dem Bachmann-Teilnehmer, der sich für den Klagenfurter Moment "PeterLicht" nannte, gibt es eine ganze Industrie des Agoraphoben. Banksy ist enttarnt. Nachdem sich das mit der Performanz erledigt hat, könnte er sich nun auf seine Kompetenz besinnen. Dafür gäbe es in seinen Werken noch einigen Spielraum.

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