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Aus zwei mach keins

Fangen wir heute einmal mit einem Leitsprüchlein an. Es stammt, wie es sich gehört, von Goethe und geht so: "Ist es ein lebendig Wesen/ das sich in sich selbst getrennt?/ Sind es zwei, die sich erlesen,/ Daß man sie als Eines kennt?" Die edle Einheit des Duos, wie der Altmeister sie hier rhapsodiert, hat allerdings einen gravierenden Nachteil. Es gibt sie allenfalls in der Natur, und namentlich bei jenem Blatt des Gingko-Baumes, das Goethe seinerzeit besang und das sie einem seither in Weimar als Souvenir hinterherwerfen. In der Kultur, und damit kommen wir zum Thema, sind derlei Innigkeiten eher schwierig. Vor 500 Jahren zum Beispiel wurden zwei Alleskönner in einen einzigen Raum gebeten, um zur Einheit zusammenzuwachsen. Michelangelo und Leonardo sollten den zentralen Saal des Florentiner Palazzo Vecchio mit einem Fresko garnieren, eine konzertierte Aktion aus Wettbewerb und gegenseitigem Respekt. Das Ergebnis der Zweierkonstellation ist eindeutig: Es wurde nichts, und zwar gründlich und selbstverständlich für alle beide. Die Sala del Gran Consiglio ist heute überzogen von den Malereien Giorgio Vasaris. Nun bitten sie in Wien wieder zwei Alleskönner in einen einzigen Raum. Die Bawag Foundation und die Generali Foundation sollen sich ihrerseits zur Einheit fügen. Sie sollen eine Kommune gründen, in den alten Generali-Räumen in der Wiedner Hauptstraße das kollektive Hinterhofidyll leben und sich mit dem Ausstellungsmachen abwechseln wie die WGler beim Spaghettikochen. Das Label "Foundation Quartier", unter dem sie antreten und leise den Luxus verbreiten, ist noch das Beste an der Sache. Der Wiener Kunstbetrieb lässt sie sich indes längst auf der Zunge zergehen: Die Vorstellung, dass Sabine Breitwieser und Christine Kintisch, die beiden Leiterinnen der Privat-Institutionen und nicht gerade für ihre Umgänglichkeit verschrieen, sich zu "einem lebendig Wesen" zusammentun sollen, hat schon etwas Pikantes. In Wahrheit aber hat es den schalen Geschmack des Geschäfts. Wieder einmal macht der Preis den Wert, und man darf es mit Fug als Frage der Kurzfristigkeit sehen, bis das Erwartete eintritt und beide Etablissements im Orkus verschwinden. Bei der Bawag und ihren neuen Eigentümern will man sowieso nichts anderes als die alten Ausstellungsräume, um sie in zentraler Lage an wen auch immer teuer loszuschlagen. Und bei der Generali, das eigentlich Traurige, sieht man nur die geringen Besucherzahlen und nicht die enorme Bedeutung der Sammlung und ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Was hier passiert, ist die Self-Fulfilling Prophecy der Abwicklung. Aus zwei mach keins. Der Vasari hat übrigens auch schon seine Farben gemischt: Wie man hört, stünde das Mumok sehr gern bereit, die Generali-Schätze zu übernehmen.

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