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Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur: Vom Mauern und vom Latein

"Dieses wird jenes töten/Ceci tuera cela" steht es kryptisch als Überschrift zu einem Kapitel in Victor Hugos Roman über Notre-Dame. Die beiden Zeigepronomen werden verständlich, wenn man weiß, dass der Canonicus, von dem der Satz stammt, zum einen auf die Kathedrale deutet und zum anderen auf ein Buch. Die Buchstaben werden an den Pfeilern rütteln und die Silben an den Arkaden. Die Gutenberg-Galaxie wird die gebaute Weltordnung zum Einsturz bringen, lässt Hugo seinen Kleriker prophezeien, und weil es der Literat ist, der das sagt, hat er für die Wirklichkeit seines Gebildes sowieso recht. Derlei Rechthabereien geht nun eine großartige, wunderbare, phänomenale Ausstellung in München nach und fragt, wie es steht mit dem Verhältnis von gebauter und geschriebener Häuslichkeit. Und weil sie im Architekturmuseum, einem der vier Teile im Sammelsurium der Pinakothek der Moderne, stattfindet, hat sie mit der gegenteiligen Auffassung zu Hugo nicht minder recht. In Sachen Zeitgemäßheit steht die Architektur der Literatur keineswegs nach, und wenn es im Gefolge von Meisterdenkern wie Derrida der Buchstabe und seine Grammatologie sind, die den Ton angeben, dann liegt es an den gelehrten Baumeistern wie Daniel Libeskind oder Peter Eisenman, den Avanciertheiten hinterher zu konstruieren. Bekanntlich ist ein Architekt ein Maurer, der Latein kann, und die Ausstellung führt es weidlich vor. Die Materie ist bildungsbeflissen komplex, doch sie wird auf stupende Weise von Winfried Nerdinger, dem Kurator und aufrechten Theoretiker, durchdrungen. Wie Beschriebenes zu Gebautem wird, ist ein Kapitel - dargeboten etwa in den kristallinen Phantasien der "gläsernen Kette". Wie man ein Gebäude konzipiert, um es anschließend zum Schauplatz von Fiktion zu machen, ist ein anderes - vorgeführt zum Beispiel anhand der Skizzen, die sich Umberto Eco für sein "Der Name der Rose" machte. Wie Dichter bauen lassen, ein drittes - Malapartes Villa auf Capri wird eingehend untersucht. Und wie man sich gegenseitig in die Utopie hinwegschaukelt, ist sowieso ein Thema - von Plato bis zum Pop. Comics werden untersucht, Pippis Villa Kunterbunt wird nachgebaut und Stifters nachsommerlicher Garten abgemessen. Eine stimmige Mischung aus Originaldokumenten und nachgebauten Modellen zur Veranschaulichung, ein perfekter Titel, ein umfassender Katalog, der auch noch preiswert ist: Eine Ausstellung wie gemalt.
Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur
08.12.2006 - 11.03.2007

Pinakothek der Moderne
80333 München, Barer Straße 40
Tel: +49 89 23805 360
Email: info@pinakothek.de
http://www.pinakothek.de
Öffnungszeiten: Di - Mi 10.00 - 18.00, Do 10.00 - 20.00, Fr - So 10.00 - 18.00


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