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Sein und Sinn

Lässig blasiert und mit einem Jagdtrieb ausgestattet muss man offenbar sein, um für "Coolhunters" dazuzugehören. Die Schau, die vom Karlsruher ZKM gekommen ist und momentan im Wiener Künstlerhaus Station macht, will "Jugendkulturen zwischen Medien und Markt" nachspüren und baut die jungen Leute zu einem Popanz auf, den man mit allerlei Zeug behängt wie einen Christbaum. Martin Walser, alt und weise und als Reaktionär gehandelt, hat den schönen Satz geprägt: "Die Alten wollen dasselbe wie die Jungen, aber sie bekommen es nicht mehr." Was "Coolhunters" den Jungen andichtet, sind genau jene Dinge, die die Alten, und das sind Kuratoren gegenüber den Objekten ihre Obsession allemal, noch bekommen: Es sind die Dinge, Gegenstände, Materialien, die sich so schön theoretisieren lassen als "Fetisch", "Objekt klein a" und wie auch immer die Formeln des Begehrens und Verschwörens heissen. Also geht es in der Ausstellung um Kinderzimmereinrichtungen, Musikgeschmäcker und die Marken und Logos in Gestalt von Turnschuhen oder Arschgeweihen. Gerade war der Papst auf seiner ersten Dienstreise, und dass die jungen Leute einem Menschen an den Lippen hängen, der, nun ja, ihr Urgroßvater sein könnte, lässt sich nicht auf Pop-Attitüden und Star-Kulte reduzieren. Da geht es um nichts anderes als Wahrheit, um jenes Wahre im Singular, das in der Ausstellung in seiner Käuflichkeit und damit im Plural der Waren auftritt. Bedürfnisse nach Engagement und Hingabe, nach dem Aufgehen im Ganzen des Sozialen und vielleicht sogar Politischen wurden auf dem Kölner Weltkirchentag artikuliert. Es war das durchaus lebendige Dementi zu jener immer noch für aktuell gehaltenen Diskursivität, die im Transgender die höchste Avanciertheit, aber im Zölibat die letzte Perversion sieht. Im 19. Jahrhundert war es der Geist, der all dem, was sich ergab, die Logik verlieh. Im 20. Jahrhundert war es der Körper, der alles, was sich denken ließ, vom Kopf auf die Beine stellte. Es war ein uralter Gegensatz, der sich hier die jeweilige Gegenwart schuf, und womöglich liegt es am neuen, dem 21. Jahrhundert, ihn auf die Meta-Ebene zu bringen. Was die Menschen umtreibt, ist, artikuliere er sich nun im Geist oder im Körper, der Sinn. Auch hier wollen Junge und Alte dasselbe. Die Jungen jedoch sind sicher, dass sie es auch bekommen.

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