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Turmin in der Schlacht. Die "springerin" wird zehn

Kunstzeitschriften sind Medien der Lebenshilfe. Und das aus zwei Gründen. Zum einen nehmen sie einem das Lesen ab. Sie haben vorab aufbereitet und in Portionen gehackt, was an Theorien und Trends sein Wesen treibt in der jeweiligen Gegenwart. Mit ihren Interviews und ihren Kritiken gewähren sie generös das Bad in der Sekundärrezeption. Ob sie wollen oder nicht, sind sie Organe der Mode. Moden sind nichts anderes als Ergebnisse von Sekundärrezeption. Zum andern nehmen einem Kunstzeitschriften das Lesen ab. Nicht nur dass sie einem die womöglich eigene Lektüre von Derrida oder Donna Haraway ersparen. Sie ersparen einem Lektüre überhaupt. Beim zerstreuten Durchblättern der Reklamen und Rezensionen fallen genügend die Posten und die Positionen ins Auge, die sich gleich anschließend insiderhaft memorieren lassen. Ob sie wollen oder nicht, sind Kunstzeitschriften Agenten der Autorität. Ihre Wirkung tun sie durch die Nennung der Namen. Nicht, dass man zum zehnten Geburtstag der "springerin" jetzt laudationshalber sagen müsste, bei ihr wäre es anders. Es ist ganz und gar nicht anders. Vielmehr bringt sich nirgends deutlicher als in dem Lebensprojekt von Hedi Saxenhuber und Georg Schöllhammer zur Kenntlichkeit, wie sich Moden tragen und Autoritäten verkörpern lassen. Dezidierter als beim kreuzliberalen "Kunstforum", das jeder mit einer Meinung bestücken darf, oder bei den kreuzepigonalen "Texten zur Kunst", die sich ihre Beiträge vom amerikanischen "October" vorzensieren lassen, nimmt einem die "springerin" in der Tat doppelt das Lesen ab. Als Roger Buergel documenta-Leiter wurde, kannte ihn entsprechend kaum einer. Fast alle aber raunten sich etwas zu über seine Mitarbeiterschaft bei eben der "springerin". Die "springerin" hat durchgehalten im letzten Jahrzehnt und sich damit ihren Einfluss redlich verdient. Gegründet unter den kreuzliberalen und kreuzepigonalen Bedingungen der Staatskuratorenschaft, abgeschnitten von der Alimentierung einige Jahre später und ausgestattet mit femininem Namen und femininem Durchhaltewillen seither, liefert die "springerin" dem kunterbunten Kunstbetrieb eines kleinen Landes heute so etwas wie Seriosität. "Interviewer und Kritiker sind die Feinde des Geheimnisvollen", heisst es in "Sucht mein Angesicht", John Updikes Roman über die amerikanische Malerei. Doch ein wenig Entzauberung ist durchaus nötig. Wir gratulieren.

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