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Dürer beim Friseur

Nun haben also alle ihren Senf zum Hasen abgegeben. Der Filmkritiker, der es zum Ressortleiter gebracht hat, erinnerte, als wäre er immer schon dabei gewesen, an die Zeit, als man ins Ausland fuhr, um "Topwerke" zu sehen. Die Leute vom "Feuilleton", die Mühe haben werden, eine gute Farbkopie vom Faksimile zu unterscheiden, geschweige denn das Faksimile vom Original, zeigten in tiefster staatsbürgerlicher Betroffenheit Sorge um das nationale Erbe. Und die Kommentatoren sonstiger Couleur waren erschüttert ob des Ansehensverlustes, der hoffentlich nur kulturell, aber wahrscheinlich in Gesamtheit nunmehr über Österreich kommen würde. Alles an Wortspielen nur erdenklich Mögliche wurde mit dem Hasen zusammenformuliert. Nicht auszudenken, hätte Dürer seinerzeit einen Esel gemalt. Und schuld ist Schröder. Die österreichische Seele war wieder einmal ganz bei sich letzte Woche. Dass einer erfolgreich ist, obwohl er im öffentlichen Auftrag arbeitet, hat keinen Platz auf der Kategorientafel hierzulande. Entweder er ist Politiker, und dann ist er sowieso unfähig. Oder er arbeitet in der Verwaltung, dann ist er Obrigkeit und darf sich nicht in die Niederungen von solcher Massenware wie Besucherzahlen begeben. Oder er macht seine Arbeit tatsächlich gut, aber dann ist er freier Unternehmer und heißt Frank Stronach oder Hannes Androsch. Eine Figur wie Schröder hat sich die Ressentiments da selbst zuzuschreiben. Angesichts dessen, was so zusammenräsonnniert worden ist über die Kalamitäten der Albertina, scheint man es lieber zu haben, wenn die Exponate im Tiefspeicher prangen. Die betenden Hände gibt es auch auf Sterbebildchen. Über Michelangelo und Raffael blättert man bevorzugt beim Friseur nach. Wie Munch die Malerei, die Lithografie und die Zeichnung virtuos parallel einsetzt, kann man in den Seitenblicken nachvollziehen. Und außerdem hat Walter Koschatzky ja ein Buch geschrieben, in dem alles steht über "die Kunst der Grafik". Die Gelegenheit, um Wilfried Seipel gleich mit ins Gebet einzuschließen, die beiden geheimnisvollsten Bilder Giorgiones nebeneinander zu sehen, ergibt sich ebenso beim Durchblättern der Propyläen Kunstgeschichte. Und hat nicht der Taschen Verlag neben Muhammad Ali und Helmut Newton ein paar Kunstbände im Programm? Im übrigen nehmen wir auf unserem Weg nach Bad Gastein oder Lech gern ein paar Museen mit. Aber was interessieren uns eigentlich die Bilder? Schließlich ist Österreich ja eine Kunstnation. Wie lautet der Schlusssatz in Thomas Bernhards "Alte Meister"? "Die Vorstellung war entsetzlich". Das, liebe Kulturkommentatoren, war sie in der Tat.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
"Dass einer erfolgreich ist..."
Sonja Bettel | 07.03.2005 10:57 | antworten
Rechtfertigt Erfolg alle Mittel? Sind es nicht immer die besonders eitlen, machtgierigen, selbstherrlichen Menschen, die sich über alles hinwegsetzen und vielleicht sogar deshalb Erfolg haben? Sind die, die sich an Vorschriften und Gesetze halten, vielleicht die Dummen und ergo selber schuld, dass sie keinen Erfolg haben? Und was ist eigentlich Erfolg? Und ist es nicht so, dass in Österreich viel zu viele viel zu oft "Erfolg" haben, weil sie sich über alles hinwegsetzen, nicht zur Verantwortung gezogen werden, nicht zurücktreten (müssen)?

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