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Fünf Jahre Schwarz-Blau. Die Unkultur der Kultur

Es wäre nicht Österreich, wäre der gehörigste Schub an Modernisierung, die das Land in einem halben Jahrhundert erfahren hat, nicht von einer Arrièregarde in Bewegung gebracht worden. Das eifrige, ressentimentgeladene Bestreben, die Gemeinschaft zu stärken, mündete in neue, schillernde, die alte Fügsamkeit sprengende Betriebsamkeiten, an deren Horizont gar die erste schwarz-grüne Regierung Europas aufleuchten sollte. Durchaus unfreiwilliger Träger dieser Chancen und Avancen war der Gottseibeiuns jedes Staatsverständnisses, die FPÖ mit ihrer Galionsfigur Jörg Haider. Die vor genau fünf Jahren fixierte Regierungsbeteiligung verabreichte dem österreichischen Modell des Proporzes das Elixier der Demokratie. Plötzlich kam so etwas wie Dissens in die heimelige Kartellwirtschaft der Amts-, Würden- und Kulturträger. Niklas Luhmann hat eine schöne Formel für die Unterscheidung von demokratischen und autoritären Formen der Regierung in Umlauf gebracht. In einer Demokratie, so Luhmann, akzeptiere die Classe Politica ihre jederzeit mögliche Entfernung von der Macht; in autoritären Strukturen dagegen versuche sie mit erlaubten und unerlaubten Mitteln, diese Entfernung zu verhindern. Tatsächlich vollzog Österreichs politische Klasse den Wechsel durchweg seriös und anständig. Nicht so die kulturelle. Das einzige Mittel, das ihr in dieser Situation einfiel, war die Eingeschnapptheit. Vielleicht liegt es an dem speziellen Vermögen der Kultur, das Kleine auf das Große zu beziehen, dass ihre Vertreter sich in Österreich jahrzehntelang auf ein so eklatantes Naheverhältnis zur Politik hatten einlassen können. In einem Gemeinwesen, wo die Hierarchien deutlich zu Tage treten und man sich in vielen Fällen persönlich kennt, sind die Gewöhnlichkeiten des Tagesgeschäfts sehr präsent, und genau diese Gewöhnlichkeit ließ sich aufladen mit den Qualitäten des Geists, der Originalität und des Allgemeingültigen, die man von jeher der Kultur attestierte. Man kann es auch weniger vornehm sagen: Das Hofschranzentum trieb die buntesten Blüten. Beide Seiten hatten ihre Vorteile, und wurde Unbehagen laut, so behängte man den Kritiker gern einmal mit dem großen österreichischen Staatspreis für Publizistik. Nicht ungeschickt hatten die Freiheitlichen aus dieser Identifizierung von politischen und kulturellen Kreisen einst ein Wahlkampfthema gemacht. Groß wurden Namen von "Staatskünstlern" auf Plakaten affichiert, um ihnen den obligatorischen, als parteieigen deklarierten und in der Unspezifik der Begriffe sowieso unhinterfragbaren Anspruch auf "Kunst und Kultur" entgegenzusetzen. Von zwei Seiten her, regierungsamtlich wie oppositionell, war so das Naheverhältnis zementiert worden. Und als es vorbei war mit der Großen Koalition, reagierte die Kulturszene tatsächlich, als sei sie die politische Klasse. Die politische Klasse mit autoritären Mustern. Es waren der Kultur aber auch die Dementis ausgegangen. Mitte der Neunziger trat Peter Turrini am offiziellsten Ort des Landes, am Heldenplatz, auf und begann seine Adresse an die Österreicher mit der Anrede "Liebe Mörder". Wer derlei zu Zeiten eines Kunstministers aus dem jüdischen Bürgertum und eines Verkehrsministers, der als Linksaußen der Sozialdemokratie amtierte, zum besten gab, hatte später, als die Unterstellungen ans Totalitäre eine gewisse Plausiblität zu gewinnen schienen, sein Pulver verschossen. Das meiste, was aus der Literatur, vom Theater her, aber auch in der bildenden Kunst gegen den gesellschaftlichen Status Quo vorgebracht wurde und wird, erschöpft sich in der narzisstischen Darbietung von Verwegenheit. Als es vor fünf Jahren glücklich darum hätte gehen sollen, eine Streit-Kultur zu umreißen, weil endlich Dissens-Fähigkeit gefragt war, fehlten der hiesigen Bewusstseinsindustrie die Ressourcen. Und recht viele dieser Resoourcen sind auch in der Zwischenzeit nicht hinzugekommen.

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