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Causa Köb

Zu den vielen guten Taten, die die Wiener Secession in mehr als hundert Jahren beging, ist vergangene Woche eine weitere hinzugekommen. Das Haus hat per Internet eine Solidaritätsadresse für Edelbert Köb, den Direktor des Mumok, lanciert und aufgefordert, sich der Unterstützungsaktion per Angabe des Namens und der Mailanschrift anzuschließen. Ich stehe auch drauf auf dieser Liste. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich mich an einer solchen Aktion beteilige. Bisher hatte ich meine Unterschrift gegen Tierversuche oder das Albertina-Dach, gegen Atomkraftwerke oder für eine Institution, die in Misskredit geraten ist, stets verweigert. Entweder war das Anliegen nicht meine Sache oder es war so selbstverständlich, dass es mir peinlich vorkam, das Evidente durch die Kundgabe meines Einverständnisses per Signatur mit Expression und also mit Narzissmus aufzuladen. Dass Köb gefälligst Direktor bleiben soll, ist auch jetzt selbstverständlich. Ich habe dennoch unterschrieben. Etwas Ähnliches passierte mir vor dreizehn Jahren, als ich mich eines Adventabends in München mit einer Kerze an die Straße stellte und in eine Lichterkette einreihte. Es sollte gegen den Rechtsradikalismus gehen, den man sich mit den neuen Bundesländern seinerzeit eingefangen hatte. Dass es nicht viel helfen würde und die Nazis heute reihenweise in den ostdeutschen Parlamenten ihr Unwesen treiben, wusste ich tatsächlich damals schon. Doch ich dachte mir, die Deutschen brauchen so etwas wie Symbole. Außer Willy Brandts Kniefall an der Gedenkstätte des Warschauer Ghettos hatten sie nicht viel an nationaler Semantik. Vielleicht würde die Lichterkette sich eines Tages in diesem Sinn bewähren. Und ein wenig hat sie das ja. Womöglich wird die jetzige Secessions-Aktion auch nicht viel helfen und der ministerielle Josephinismus am Mumok Salzburger Verhältnisse etablieren. Und doch wird die Aktion sich womöglich ihrerseits bewähren. Sie wird vielleicht das seltsam Formlose definieren helfen und zeigen, dass es doch Sinn macht, von einem Kunstbetrieb zu reden. Wenn man die Liste der Köb Unterstützenden durchgeht, darf man sich also ein wenig freuen. Sich freuen, dass die Frauen-Netzwerk-Aktivistinnen einen weißen männlichen Hetero unterstützen. Sich freuen, dass sich ein Institut für Kunstgeschichte fast zur Gänze mit jemandem solidarisiert, der nicht vom Fach kommt und trotzdem ein Museum führt. Sich freuen, dass sich Galeristen aus Städten und Ländern ins Zeug legen, bei denen Köb als Direktor nichts wird kaufen können. Sich freuen, dass Ästhetik-Superstars ihren Namen hergeben, die vermutlich noch niemals über das Mumok geschrieben haben. Die Kunstgeschichte liefert viel mehr eine Sinn- als eine Bildergeschichte. Die Causa Köb zeigt es wunderbar.

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