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Anleitung zum Nützlichsein

Man muss keinen Gefallen finden an Yinka Shonibares buntscheckigen Kopflosigkeiten, wie sie gerade die Kunsthalle Wien bevölkern. Doch zu erfahren, dass die knalligen, ausladenden, selber schon Körperfülle anzeigenden Stoffe, die man bis dato für westafrikanisch schlechthin gehalten hatte, Importware sind, die die Holländer einst in Indonesien entdeckt hatten, Importware, die heute unter anderem im vorarlbergischen Lustenau produziert wird, ist nicht ohne spekulativen Reiz. Was, so darf man fragen, karrt der Kapitalismus nicht noch alles durch die Welt? Man muss keinen Gefallen finden an den Rezensionen, mit denen die österreichische Tageszeitung "die Presse" dem Kunstbetrieb den Spiegel vorhält. Doch die Kritik, die man Shonibare angedeihen ließ, ist ihrerseits nicht ohne spekulativen Reiz. "Während man sich", heißt es da, "über Kolonialismus, Identitäten und das Selbstverständnis des modernen Afrikas Gedanken machen sollte, wirken die bunten Installationen vor dem Geschehen im Irak ziemlich schal, ohne Brisanz". Es ist genau diese Sorte Satz, die den kononialistischen Gout weitertreibt ins nächste Jahrhundert. Immer noch wird dem Afrikaner erklärt, was er "sollte". Wir wollen ihn nämlich nützlich. Er "sollte" uns also über die Auswüchse und das Böse und die Kriege in der Welt nachdenken lassen. Er "sollte" doch fürs Gute zuständig sein. Wenn wir schon die Geschäfte mit ihm machen, "sollte" er uns doch im Gegenzug mit Moral versorgen. Schließlich hat er im Überfluß, womit wir nicht mehr so recht umgehen können: den Glauben an ein Fortschreiten ins Bessere, Wahrere, Schönere. "Sollte" er uns doch ein gehöriges Kontingent davon liefern. Anfang der Achtziger war es definitiv zu Ende gekommen mit der schönen Progressionshoffnung, und es ist kein Zufall, dass seither im Westen auch jene kolonialistische Perspektive Konjunktur hat, die sich in ein "post" kleidet. Gerade im Kunstbetrieb. 1984 publizierte Fredric Jameson seinen Aufsatz über die "Kulturelle Logik des Spätkapitalismus". "Formen gegenkulturellen Widerstands", so schrieb Jameson, würden längst "von einem System absorbiert werden, zu dem sie heimlich auch gerechnet werden müssen, da sie sich eben nicht von ihm distanzieren können". Die Diagnose lautete Posthistoire. Doch es gab einen Ausweg. Hal Foster formulierte ihn in eben dem Jahr 1984 so: "Für viele mag all das ein großer Verlust sein, ein Verlust, der zu narzisstischem Jammern und hysterischem Aufschrei gegen das Ende der Kunst, der Kultur, des gesamten Westens führen mag. Doch für andere, präziser: für Andere, ist das überhaupt kein Verlust." Das großgeschriebene Andere leuchtete als Remedur, und all die Sinnkrisen, in denen das Abendland schwelgte, ließen sich beheben im Vitalen des Marginalen. Der Kunstbetrieb hat die seinerzeit erfundene Droge reichlich eingeworfen, und kaum wartest du zwanzig Jahre, hat sie auch "die Presse" erreicht. Vom Parkring her bekommt also Shonibare präsentiert, eine "hyper-schicke Stereotypen-Flaniermeile" aufgebaut zu haben. Dabei "sollte" er uns doch den besseren Menschen spielen.

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