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Der Mann der Egon Schiele verkaufte

Vielleicht wäre er ein bekannter Flugzeugkonstrukteur geworden. Doch bereits direkt nach dem ersten Weltkrieg war an der Technischen Universität Wien der Antisemitismus so stark, dass Otto Nirenstein ein Hochschulabschluss in Ingenieurwissenschaft verweigert wurde. Im Jahr 1933 wird er den hebräischen Familiennamen Kallir annehmen, doch er ist sich bereits damals bewusst, dass für Jüdinnen und Juden das (Über)Leben in Österreich in absehbarer Zeit unmöglich werden würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er mit seiner im Jahr 1923 gegründeten Neuen Galerie bereits knapp einhundert Ausstellungen organisiert, das erste Werkverzeichnis der Ölgemälde Egon Schieles veröffentlicht und das Œvre Richard Gerstls vor der Vernichtung bewahrt.

Das Jubiläum der Galeriegründung an der Adresse Grünangergasse 1 unweit des Stephansdoms im Zentrum Wiens nehmen zwei Ausstellungen zum Anlass, die bemerkenswerte Geschichte des Galeristen Otto Kallir nachzuzeichnen. In der Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, die heute in den Galerieräumlichkeiten Kallirs residiert, zeichnet die Kunsthistorikerin Veronika Floch in einem der Galerieräume die Geschichte des Ausstellungsortes in der Zeit von 1923 bis 1954 nach. Künstler Matthias Klos zeichnet für die Ausstellungsgestaltung und das Layout des Begleitheftes verantwortlich. Die Präsentation, die sich auf Dokumente des im Belvedere befindlichen Archivs der Neuen Galerie und Leihgaben des Kallir Research Institute stützt, macht die Umtriebigkeit und das Engagement Otto Kallirs für die moderne Kunst seiner Zeit spürbar.

Seine generelle Sammelleidenschaft hatte Otto Kallir schon 1919 dazu bewegt, statt der Laufbahn als Luftfahrtingenieur nun eine als Verleger von limitierten Editionen zeitgenössischer Künstler einzuschlagen. Sein Verlag Neuer Graphik hatte mit der Herausgabe einer Grafikmappe von Johannes Itten bereits Aufsehen erregt – zumindest wird dies in einem im Jahr 1920 publizierten Verkaufskatalog im Einführungstext so behauptet. 1922 folgte schließlich „Das graphische Werk von Egon Schiele“ und die Eröffnung der Neuen Galerie mit der ersten posthumen Ausstellung von Schieles Gemälden. Es folgten unter anderen Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Max Beckmann, eine erste Ausstellung amerikanischer Malerei, Zeichnungen von Caspar David Friedrich und 1926 schließlich Gustav Klimt. Immer wieder kooperierte Kallir mit dem Hagenbund und zeigte Kunst in dessen Räumlichkeiten in der Zedlitzgasse 6. Dazwischen gab es auch skurril anmutende Präsentationen, etwa eine Kakteen-Ausstellung mit Blumentöpfen aus der Wiener Werkstätte. Die generell schwierige wirtschaftliche Situation in den 1930er Jahren zwang Kallir auch, Teile der großzügigen Galerieräumlichkeiten weiter zu vermieten und Nebenjobs anzunehmen. Gleichzeitig war Kallir klar, dass sich die Situation für Jüd:innen weiterhin verschlechtern würde. Bereits 1934 hatte er seine Sammlung an Luftfahrtmemorabilia in die Schweiz verkauft und den Erlös dort angelegt. Im Februar 1938 genehmigte das Denkmalamt die Ausfuhr von dreißig Gemälden u.a. von Klimt, Schiele und Kokoschka nach Luzern. Im Juni 1938 übertrug Kallir die Neue Galerie an seine Mitarbeiterin Vita Künstler, welche die Galerie über die Kriegsjahre weiterführte. Kurz danach zog die Familie mit weiteren Bildern im Übersiedlungsgut nach Luzern. Nachdem er in der Schweiz keine Arbeitsbewilligung erhielt, ging Kallir nach Paris und eröffnete dort die Galerie St. Etienne, in Erinnerung an die Lage der Neuen Galerie nahe am Stephansdom. Kurz nach Kriegsausbruch musste die Familie nach New York flüchten und schon im November 1939 eröffnete Kallir in der 57th Street die Galerie St. Etienne als Dependence der Pariser Galerie.

Den Schwerpunkt auf die Jahre in den USA legt die zweite Ausstellung bei Wienerroither & Kohlbacher, die Werke von Schiele, Klimt, Kokoschka und weiteren Künstlern aus eigenen Beständen und Leihgaben des Kallir Research Institute zeigt. Die Anfangsjahre in Amerika gestalteten sich schwierig. Für Oskar Kokoschka konnte Otto Kallir relativ bald erste Kunden begeistern, doch der Markterfolg für Schiele und vor allem Klimt ließ viele Jahre auf sich warten. Doch Kallir platzierte geschickt immer wieder Schenkungen in ausgewählten Museen, erreichte erste Ankäufe, die auch in der Ausstellung bei Wienerrother & Kohlbacher dokumentiert werden. 1965 gelang ihm schließlich über seinen Freund und Guggenheim-Direktor Thomas Messer die erste große Gemeinschaftsausstellung von Gustav Klimt und Egon Schiele im Guggenheim Museum zu initiieren. „Der Rest ist Geschichte“ könnte man sagen, bis hin zum jüngsten Auktionsrekord für Klimts Bild „Dame mit Fächer“ das im Juni 2023 für umgerechnet 99,57 Millionen Euro bei Sotheby’s in London versteigert wurde.

Die Neue Galerie in Wien wurde nach dem Krieg von Vita Künstler wieder an Kallir zurückgegeben, doch er entschied sich in den USA zu bleiben und nach etlichen Ausstellungen wurden der vordere Teil der Räumlichkeiten an die Erzdiözese Wien vermietet wo im Jahr 1954 Otto Mauer seine Galerie nächst St. Stephan eröffnete. Erst 1973 überschrieb Otto Kallier die Galeriekonzession an Mauer und beendete damit die Geschichte der neuen Galerie in Wien.

Otto Kallir verstarb 1978 in New York und die Galerie St. Etienne wurde bis 2020 von seiner Enkelin Jane Kallir weitergeführt. Sie arbeitet mit ihrem 2017 gegründeten Kallir Research Institute heute weiterhin an der Aufarbeitung der Geschichte ihres Großvaters und gilt als die Kennerin und Expertin für das Werk von Egon Schiele.

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Die Ausstellungen:

Galerie nächst St. Stephan - bis 20. Jänner 2024
Grünanger­gasse 1 - Otto Kallir und die Neue Galerie in zeithistorischen Dokumenten 1923–1954

Wienerroither & Kohlbacher - bis 2. Februar 2024
100 Jahre Neue Galerie Wien Hommage an Otto Kallir

Mehr Texte von Werner Remm

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