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Milen Till: Angemessen hohe Messlatte

Die Herleitung der Moderne aus einem Zollstock liegt nicht ganz auf der Hand, aber ist nachzuvollziehen. Nicht nur war er am ganzen Bauboom des letzten Jahrhunderts direkt beteiligt, in seiner funktionellen Ästhetik und seinem Charakter eines unprätentiösen Alltagsobjekts scheint er wie geschaffen für die künstlerische Aneignung nach Art des objet trouvé, Ready-mades und der minimalistischen (Objekt-) Kunst. In der Masse, gefärbt und auf Leinwände oder Holztafeln geklebt, wird er in der Ausstellung "Vermessen" von Milen Till (geboren 1984 in München) noch dazu zum Farbträger und plastischen Körper, aus dem ausgehend von der Moderne Meisterwerke und Kunstgriffe des 20.Jahrhunderts als Reliefs nachgebildet und -empfunden sind.

So zum Beispiel das "Schwarze Quadrat" Malevichs, das als eben solches - gemacht aus schwarzen Reihen ausgeklappter und zugeschnittener Zollstöcke, die in einen Grund aus gleichartigen weißen gesetzt sind - im "Herrgottswinkel" hängt. Daneben, neu gedacht- und selbstgemachte Mondrians und Albers', Martins und Judds. Ein direkter Bezug auf Marcel Duchamp fehlt - aber seine bahnbrechende Idee der Überführung des Alltagsobjekts in die Kunst ist als Methode ganz grundlegend vertreten.

Aufrecht an die Wand gelehnte, abwechselnd schwarze und weiße Zollstöcke von unterschiedlicher Höhe erweitern den ohnehin zwischen Malerei und Skulptur oszillierenden Werkcharakter zur Installation. Dass sie auf die Körpergrößen der Studenten der Klasse Hildebrandt (Akademie München), Tills Arbeitskollegen, zugeschnitten sind, ist ein Rückgriff auf Methoden der "ortsspezifischen" Kunst. Durch die Beleuchtung des indexalischen Beziehungsgeflechts eines Objekts wurden seit den 60er Jahren unter diesem Schlagwort die Implikationen der Ausstellungsumgebung und des Objektcharakters von Kunstwerken in den Vordergrund gerückt. Sockellos an die Raumecken gerückt erinnern die Stöcke auch an die frühen "Paßstücke" Franz Wests oder Bleiecken Richard Serras und decken weitere Kapitel im Aufriss der Kunstgeschichte ab.

Eine Anmaßung, Vermessenheit, ist das nicht. Till begegnet dem Kunstkanon humorvoll und unbefangen. In seiner Aneignung der Ikonen nimmt er sich der Überhöhung der Kunst und des Geniekults mit großer Leichtigkeit, Souveränität und Ganzheitlichkeit an - ähnlich der Art Karl Valentins, der im Durchgang vom Eingangsbereich zum Hauptraum geehrt wird: das Aufkleben eines echten Zollstocks über die Fotografie des Komikers beim Vermessen des Zirkus Krone holt die Kunst in die Wirklichkeit zurück, kehrt damit die Idee des Ready-mades um und hat noch dazu Wortwitz.

Nicht nur wegen des vielen Lichts, dass durch die hohen Arkadenfenster von zwei Seiten in den Hauptraum gelangt, hat dieser einen leichteren Charakter als der Eingangsbereich, dessen kühl-düstere Farbigkeit die Schwere und Verkopftheit der Kunst nicht mindert, noch dazu in ihrer Verdichtung auf vergleichsweise kleinen Raum. Stattdessen entfaltet sich das Bunte und Ornamentale der Zollstöcke auf großen Kompositionen in reinem Grün, Blau, Gelb und Weiß.  Je nach Staffelung bildet das Ein- und Austreten der Holzglieder farbschöne und harmonisch komponierte Reliefs. Die schimmernden Nieten, die sie verbinden und die Millimeterstriche, die schwarz durchscheinen, verleihen den Farbflächen dazu eine nuancierte Textur und taktilen Reiz. 

Zwar verweisen auch in diesem Teil der Ausstellung die Titel der Arbeiten auf Vorbilder (Anne Truit, Barnett Newmann), und an der Wand hängt überlebensgroß ein Foto Sigmar Polkes "Zollstockpalme", von dem jeweils ein Fragment auf die schmalen Flächen der Stirnseiten von Zollstöcken gedruckt ist, die in fünf Reihen eines Setzkastens übereinander gestapelt sind und gemeinsam das ganze Bild ergeben; aber drei in den Raum gestellte Arbeiten sorgen für eine gelöstere Atmosphäre, in der die sensorische, phänomenologische Erfahrung der Skulpturen als eigenständige Werke überhandnimmt. Das gipfelt in zwei zu Säulen aufgerollten Leinwänden, natürlich vorderseitig mit hochkant aufgeklebten Zollstöcken versehen, die sich als blaue und weiße (Milen Till, 2021) bzw. rote und rosa Streifen (Ruscha, 2021) abwechseln. In ihnen entfaltet sich der Zollstock noch einmal in seiner ursprünglichen Bestimmung: zugeschnitten auf die Körpergrößen des Künstlers und seiner Verlobten sind sie weniger eine Hommage an Daniel Buren als eher zwei Selbstportraits - und scheinen stolz zu sagen: das bin ich, und das ist meine Arbeit - ich habe sie selbstgemacht

Milen Till
10.06 - 28.08.2021

Crone Wien
1010 Wien, Getreidemarkt 14
Tel: +43 1 581 3164
Email: info@galeriecrone.com
http://www.galeriecrone.com/
Öffnungszeiten: Di-Fr 14-18, Sa 11-15 h


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