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Matthew Buckingham - A Man of the Crowd: Soho am Stephansplatz

Wenn es sich in der Moderne lohnt, Kunst zu machen, es kann sein, dass das an dieser Stelle bereits einmal formuliert worden ist, dann deswegen, um das Aktuelle und Zeitbedingte, das man notwendigerweise selbst verkörpert, mit dem Anspruch auf Generelles zu verbinden. Baudelaire hat vom Flüchtigen im Ewigen, vom Geschichtlichen im Poetischen gesprochen und den Mechanismus "Modernität" genannt. Viel hat Baudelaire dabei von Edgar Allen Poe gelernt, den er als erster ins Französische übersetzte. Poes Geschichten suchen jenem "Transitorischen, Flüchtigen, Kontingenten" Raum zu geben, das die Grunderfahrung der letzten zwei Jahrhunderte ausmacht. "The Man of the Crowd", entstanden 1840, ist vielleicht die rasanteste, emphatischste, mit einem Wort modernste dieser Novellen, in denen Dynamität und Anonymität zum Selbstzweck geworden sind. Ein Mann wird beobachtet, wie er ins Gewühl der Großstadt London eingeht, wie er sich zerstreut und treiben lässt. Dann wird er wieder aus den Augen verloren und das war es. Matthew Buckingham ist Jahrgang 1961, lebt in New York und hat Poes Poetik im Wien der Gegenwart als Kino nachgestellt. Auf 16 Millimeter, in schwarzweiß, ist der Streifen unterwegs zwischen Stephansplatz, Naschmarkt, einem nächtlichen Beisl, in der UNO-City und an jenen Nicht-Orten, die es auch in kleinen Ländern gibt. Dass die Darbietung als Loop funktioniert, zeugt von Buckinghams Geschick und Poes Zeitgemäßheit: Es gibt kein besseres Medium für das ewige Sichgehenlassen im Sinnlosen als die Endlosschlaufe. Dass die Perspektive auf den Mann in der Menge bisweilen über subjektive Kamera und dann wieder über einen zweiten Schauspieler vonstatten geht, in einem Changieren, dessen Logik im Dunklen bleibt, zeugt von den Schwierigkeiten, die ein Medientransfer so bereithält. Alles in allem aber ist im Untergeschoss des Mumok eine Präsentation zustanden gekommen, die beispielhaft das Prinzip Film für die Belange der Gegenwartskunst erschließt. Poe hatte seinen Text eingeleitet mit einem Satz über "das große Unglück, nicht allein sein zu können". Buckinghams Arbeit würde es verdienen, nicht allein zu bleiben.
Matthew Buckingham - A Man of the Crowd
20.09 - 16.11.2003

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
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