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Atkins, Schabus

Rainer Metzger, 16.03.17

Zwei aktuelle Ausstellungen

Ed Atkins, Corpsing, Museum moderner Kunst Frankfurt


Ed Atkins, Hisser, 2015/2017, Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2017, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York und dépendance, Brüssel, Foto: Axel Schneider

Pixar reimt sich auf Wichser. Mit dieser subkutanen Lyrik wäre schon ein gutes Stück der Arbeit beschrieben, mit der sich Ed Atkins, der momentane Parade-Video-Zombie-Formalist, in gleich fünf Räumen des Frankfurter Museums vorstellt. Was macht man, wenn die Leute die Dauer der Projektion, die hier über gut 20 Minuten geht, nicht durchhalten? Man zeigt ihnen im nächsten Saal das selbe noch einmal, simultan und dank dazwischen geschaltetem Schwarzfilm ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Und im nächsten und übernächsten usw. auch. „Hisser“ heißt das Werk, Zischer, und wie immer bei Atkins verdankt sich der Held der Software. Diesmal liegt er im Bett, es rumort und rüttelt ein wenig, was zum einen an der Geologie liegt - angeblich geht das Ganze auf eine wahre Begebenheit in Florida zurück, bei der sich die Erde senkte -, und zum anderen an des Protagonisten rhythmischen Bewegungen, die mit Sexualität zu tun hätten, wenn er etwas mit Sexualität zu tun hätte. Vielleicht hat Atkins dem Wunder seines Wirkens selbst nicht getraut. So gibt es im Foyer ganz real und in den Projektionen ganz virtuell ein Plakat, das ein Zitat einer gewissen Helen Keller bringt: „NO FEAR“ steht drüber und drunter: „Avoiding danger is no safer in the long run than outright exposure. Life is either a daring adventure or nothing“. Zur Verwegenheit dieser Worte gehört, dass ihre Verfasserin zum einen taubblind, zum anderen Behindertenaktivistin und zum dritten lesbisch war, was eine wunderschöne Intersektionalität ergibt. Wie gehabt im Kunstbetrieb.


Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2017, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York und dépendance, Brüssel, Foto: Axel Schneider

PS. Im Obergeschoss gibt es eine zweite Arbeit zu sehen, „Safe Conduct“ heißt sie. Hier geht es um die Sicherheitskontrollen auf Flughäfen und der Held lässt alles, was er bei sich hat, durchleuchten: Pistole und Patrone, Hand und Fuß, Herz und Niere, und das ergibt ein schönes Durcheinander, für das sich die nachfolgenden in der Schlange schön bedanken würden. Doch es dauert auch nur neun Minuten, so lang, wie Ravels „Bolero“, der die Bilder untermalt, dauert. Der „Bolero“ als musikalische Illustration: Ohne irgendeine Banalität geht es nicht bei Atkins.

Hans Schabus, The Long Road from Tall Trees to Tall Houses, Kunsthalle Darmstadt


Hans Schabus, Potato City, 2015 © Hans Schabus und Bildrecht, Wien 2017

Am anderen Ende des künstlerisch Menschenmöglichen steht Hans Schabus. Da wird sich noch handfest ins Zeug gelegt, ohne Schweiß und Schwielen ist hier kein Werk über die Bühne gegangen. Diesmal ist Schabus, er hat die Prozedur vor Jahresfrist schon im Kunstverein Salzburg Revue passieren lassen, durch die USA geradelt, höchsteigen von Westen nach Osten, 5.000 Kilometer in 40 Tagen. Wenn das schon nicht, in der Manier der LandArt, Kunst ist, so zumindest die Erinnerung daran in Form der nachträglichen Inszenierung. Für jeden der Tage gibt es ein Display, vier Abbildungen beinhaltend, wobei die absichtlichste aus einer Fotografie besteht, die jeweils High Noon in Richtung der zu bewerkstelligten Strecke blickte; die interessanteste indes besteht aus einer Aufnahme des jeweiligen Motel-Zimmers, in dem einen die Notwendigkeit, Trump zu wählen, aus jeder Nische entgegen bleckt. Wie immer bei Schabus ist die Präsentation auf den Kontext adaptiert, so gibt es Bierdosen des amerikanischen Brauers Pabst, der wunderbar nominalistisch abgestimmt ist auf Theo Pabst, den Architekten der Darmstädter Kunsthalle. Sein Fahrrad hat Schabus an die Wand gelehnt (was er in den Motels schon immer machte), und mit einer Filzdecke geschützt: Das ist gut für die vier Buchstaben und für die Anspielung auf den Darmstädter Beuys-Block. Und so weiter. Schabus' aktuelle Qualität gegenüber den LandArtisten ist die Anreicherung mit Lesarten. Da kommt dann zur Kondition noch die Condition postmoderne.


Hans Schabus, The Long Road from Tall Trees to Tall Houses (June 28th, 2015) © Hans Schabus und Bildrecht, Wien 2017

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